SPD-Kandidatin in Friedrichshain-Kreuzberg Cansel Kiziltepe : Mein Vater, meine Tochter, mein Weg

Berlin - Ella, 13, findet es doof, dass ihre beste Freundin Paula wegzieht, weil sich die Eltern die Wohnung nach der Sanierung nicht mehr leisten können. „Könnt ihr Politiker da nicht mal was machen?“, sagt sie zu ihrer Mutter, die neben ihr auf einem gepunkteten Sofa sitzt und den Wirtschaftsteil einer Tageszeitung liest. Die Politikermama heißt Cansel Kiziltepe und will in den Bundestag. Da hat sie gleich mal ihre Tochter eingespannt. „Für Paula und ihre Familie können wir nichts machen, aber wir müssen die Gesetze ändern – so, dass Menschen wie Paula und ihre Familie in ihren Wohnungen bleiben können“, sagt Cansel Kiziltepe. Sie sieht etwas steif dabei aus.

Es ist einer von vier kurzen Filmen, mal sieht man Mutter und Tochter in der Küche, mal beim Shopping, in einem vierten Spot kommt auch noch Tante Hatice zu Wort, die sich in der Mieterinitiative am Kottbuser Tor engagiert. Sie reden über Mindestlohn, soziale Mieten, worüber man halt zu Hause so spricht. Willkommen bei Familie Kiziltepe.

Es handelt sich um Wahlwerbespots, Cansel Kiziltepe hat sie drehen lassen und ins Internet gestellt. Ihre Partei, die SPD, kommt darin nicht vor, nur im Abspann sieht man das SPD-Logo für einen Bruchteil von Sekunden.

Vielleicht muss man Wahlwerbung so machen, wenn man für eine Partei antritt, deren Kampagne nicht in Gang zu kommen scheint, deren trauriger Spitzenkandidat selbst von seinen Gegnern bemitleidet wird. Wenn die Direktkandidatin mit dem Bürger in Kontakt tritt, an Ständen oder an Haustüren, redet sie lieber über sich selbst als über Peer Steinbrück. Cansel Kiziltepe gehört zu einer neuen Generation von Kandidaten, die etwas Abstand zu der SPD-Zentrale halten, ihren eigenen Weg suchen.

Sie sitzt im Café am Spreeufer und steckt sich eine Zigarette an. Trotz der Lage wirkt sie gut gelaunt, lacht viel. Als Direktkandidatin von Friedrichshain-Kreuzberg will sie dem Grünen Christian Ströbele den Wahlkreis abjagen. Ströbele hat drei Mal den Wahlkreis direkt gewonnen. Immer wieder haben sich hier SPD-Hoffnungsträger aufgerieben, zuletzt Björn Böhning. Er bekam 2009 gerade mal 16 Prozent.

Kind eines Gastarbeiters

Cansel Kiziltepe sagt, dass sie gegen Ströbele eine Chance hat. Ihr Schwerpunkt, die Sozialpolitik, sei eine Schwachstelle von Ströbele. Für Mindestlohn und billige Mieten sind die Grünen aber auch.
Der SPD fehlen frische Gesichter, vor allem von Frauen, von Migranten. Cansel Kiziltepe erfüllt alle Anforderungen. Ihr Vater kam als einer der ersten Gastarbeiter nach Berlin, arbeitete bei Daimler-Benz als Schlosser. Seine Tochter wuchs im Wrangelkiez auf, studierte Volkswirtschaft an der TU Berlin. Mit 27 trat sie in die Gewerkschaft Verdi ein, drei Jahre später in die Partei, sie machte schnell Karriere. Inzwischen ist sie 37 und arbeitet in der Personalabteilung von Volkswagen in Wolfsburg, mit Dienstwagen und gutem Gehalt. Fast wirkt sie wie gecastet, vor allem, wenn sie Sätze sagt wie diesen: „Ich verkörpere das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen.“

Sie ist sich ihrer Rolle als Vorzeige-Migrantin durchaus bewusst. Nebenbei lässt sie fallen, dass die Wahlkampfexperten der SPD-Zentrale ihr empfohlen hätten, sich für die Wahlplakate die Haare hochzustecken. Sie solle bitte nicht zu türkisch aussehen.

Ein Donnerstagabend, acht Wochen vor der Bundestagswahl. Cansel Kiziltepe steht an einem weißen Plastiktisch, vor sich ein Glas Wasser, umringt von Frauen mit flachen Schuhen, selbst gebasteltem Schmuck und praktischem Kurzhaarschnitt. Sie wirkt glamourös hier, mit ihren Glitzerohrringen, rotem Lippenstift und knallrotem Jackett. Ihre Haare hat sie hochgesteckt, so wie ihre Parteizentrale sie gern sieht. Das Frauenzentrum „Frieda“ in Friedrichshain hat zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen, alle Direktkandidaten der fünf Parteien sind gekommen. Sie stehen in verschiedenen Räumen an Tischen, drei Männer, zwei Frauen. Die Besucherinnen teilen sich in Gruppen und gehen von Tisch zu Tisch, alle fünfzehn Minuten wird gewechselt. Es ist eine Art Speed-Dating für Politiker.

Viele Frauen verdienen nicht genug zum Leben, müssen mit Hartz IV aufstocken. Sie haben Probleme, die sie direkt mit der Agenda-Politik der SPD verbinden. Deshalb scharen sich um Cansel Kiziltepes Tisch besonders viele Besucherinnen. Eine Frau ist aufgebracht. Sie soll aus ihrer Wohnung raus, findet mit ihrer Frührente von 850 Euro aber keine bezahlbare Bleibe mehr, Wohngeld bekommt sie nicht, die städtischen Wohnungsgesellschaften hätten sie abgelehnt. „Ich habe heute morgen den Schröder im Radio gehört, da hat er gesagt, Deutschland stünde ohne die Reformen nicht so gut da“, sagt die Frau empört.

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Cansel Kiziltepe hört sich die Sorgen an, sie nickt verständnisvoll, nur bei dem Wort Schröder gefriert ihr das Lächeln im Gesicht. Am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, wo sie damals arbeitete, habe sie schon vor den Folgen der Reformen gewarnt, sagt sie. Als würde das noch nicht reichen, um sich abzugrenzen, setzt sie noch eins drauf: „Es gab damals aber auch Sozialdemokraten, die dem neoliberalen Trend gefolgt sind.“ Sie muss keine Namen nennen, um zu wissen, dass sie auch den Kanzlerkandidaten meint.

Als sie sich auf dem Parteitag der Berliner SPD im vergangenen Mai um einen aussichtsreichen Listenplatz bewarb, hielt sie eine kämpferische, ja pathetische Rede. Sie zitierte ihren politischen Ziehvater Ottmar Schreiner, umschmeichelte die Gewerkschaften. Sie kritisierte auch Merkels Spardiktat in Europa, das den Menschen die Luft abschnüre, ohne freilich zu erwähnen, dass die SPD-Bundestagsfraktion die Beschlüsse unterstützt hat. „Wer, wenn nicht wir, die deutsche Sozialdemokratie, hat die Kraft, aus Fehlern zu lernen?“, rief sie. Sie wurde mit 82 Prozent nominiert. Es kommt bei der Basis an, wenn man sich von der jüngeren Partei-Vergangenheit distanziert. Heute kann man in der SPD gar nicht mehr Karriere machen, ohne die Agenda-Politik zu verurteilen.

Das Willy-Brandt-Haus liegt in Kiziltepes Wahlkreis, doch die Nähe ist rein geografisch. Nur ein einziges Mal habe sie „Peer“ getroffen, als er zu Beginn des Wahlkampfes mal Kreuzberg besuchte und über die Oberbaumbrücke spazierte. Er habe sie, die Direktkandidatin, nicht weiter beachtet. Sie klingt nicht enttäuscht, als sie das erzählt, sondern eher so, als habe dieses Treffen alle Vorurteile bestätigt. Umso weniger Rücksicht muss sie auf „Peer“ nehmen. Sie ahnt, dass Steinbrücks Zeit wohl abgelaufen ist, und dass ihre Zeit noch kommt.

Vieles von dem, was Cansel Kiziltepe fordert – höhere Löhne, höhere Renten, die Abschaffung der Schuldenbremse – könnte auch aus dem Programm der Linkspartei stammen. Wie viele Sozialdemokraten ihres Alters hat sie keine Berührungsängste. Schon bei ihrem ersten Auftritt als Kandidatin hat sie gesagt, dass sie sich Rot-Rot-Grün vorstellen kann.

In die SPD sei sie eingetreten, weil sie die Partei des sozialen Aufstiegs sei, sagt sie. Das war im Mai 2005, nachdem die SPD Nordrhein-Westfalen verloren hatte. Ein halbes Jahr später wurde sie Mitarbeiterin des SPD-Sozialpolitikers und Agenda-Kritikers Ottmar Schreiner. Sie war schon 30, bei den meisten Politikern heute beginnt die Karriere meist mit dem Eintritt in die Jugendorganisation. Sie kommt aus einem Milieu, von dem die SPD sich in den vergangenen Jahren entfremdet hat, einer Arbeiterfamilie. Zu Hause gab es keine Bücher, keine Museen- oder Theaterbesuche, erst als Cansel Kiziltepe in die Schule kam, die Kurt-Schumacher-Schule in Kreuzberg, hat sich eine neue Welt für sie eröffnet. Sie schwärmt von der Ganztagsbetreuung, die Anfang der Achtzigerjahre noch selten war, von den kostenlosen Mittagessen und Schulbüchern. Alte Freunde aus dem Wrangelkiez, die nicht mit ihr auf die Kurt-Schumacher-Schule gegangen seien, hätten sich nicht so gut entwickelt und lebten heute von Hartz IV. Cansel Kiziltepe sagt, sie wolle etwas zurückgeben.

Sie schreibt vieles Willy Brandt zu, lobt seine Bildungspolitik, auch wenn sie ihn als Kanzler gar nicht erlebt hat. Sie war noch gar nicht geboren, als er 1974 zurücktrat. Heute vertraut sie den Kreuzberger Schulen nicht mehr. Ihre eigene Tochter geht auf ein Gymnasium in Wilmersdorf.

An einem Montagabend steht Cansel Kiziltepe vor der Friedrichstraße Nummer 4, einem Betonklotz am unfeinen Ende der Straße. Davor sitzen Männer mit Bierflasche. Cansel Kiziltepe hat zwei Helfer und einen Fragebogen für den Haustür-Wahlkampf dabei. An fünf Millionen Türen will die SPD bundesweit klopfen. Die Genossen wurden geschult, was fragt man, wie weicht man unangenehmen Fragen aus. Sie haben einen Fragebogen dabei, auf dem drei Punkte stehen: Sind Sie für den Mindestlohn? Was soll die SPD nach einem Wahlsieg machen? Werden Sie wählen gehen?

Kiezkind klingt nicht nach Politik

Kiziltepe ist zwischen 17 und 19 Uhr unterwegs, da ist der Wähler statistisch am häufigsten zu Hause. Einer ihrer Genossen ist ein junger Mann mit Basecap, der im vergangenen Jahr im Urlaub bei Obama in den USA mitgeholfen hat. Er gibt ihr den Tipp, lieber nicht als Erstes zu sagen, dass sie von der SPD kommt. Sie guckt etwas unsicher.

Sie war am Vorabend beim Konzert der Ärzte, trägt einen Button, auf dem steht Kiezkind. Keinen Anstecker der SPD. Kiezkind, das klingt wie eine HipHop-Band. Wie ein Projekt. Nicht nach Politik.

Jetzt blickt sie auf das Klingelschild mit den vielen Namen, arabischen und deutschen, türkischen und bosnischen, russischen und italienischen. Sie drückt einen türkischen Namen. „Ich bin die Cansel von der SPD und will mich vorstellen“, sagt sie. Dschansel, so spricht man ihren Namen aus. Ein Mann lässt sie nach einer Weile rein.

Im 17. Stock steht sie in einem Flur mit blankem Beton, links und rechts gehen Türen ab. Die Wände sind orange und gelb gestrichen, um die Stimmung etwas freundlicher zu machen. Die Tour ist mühsam, nur wenige öffnen. Manchmal hört man, wie hinter der verschlossenen Tür der Fernseher läuft. Die, die öffnen, sagen oft, dass sie nicht wählen dürfen, weil sie keinen deutschen Pass haben.

Ein paar Stockwerke tiefer klingeln die beiden Helfer an einer Tür, die Kandidatin läuft in die andere Richtung. Als sie eine Frauenstimme hört, dreht sie sich um. „Wenn’s ein anderer gewesen wäre, dann hätte ich es mir noch mal überlegt, aber diesen Steinbrück wähle ich nicht“, sagt die Frauenstimme. Cansel Kiziltepe beugt sich vor, „das höre ich oft“, flüstert sie. Dieser Steinbrück. Sie versucht gar nicht, die Frau umzustimmen.

Es kommt öfter vor, dass sie am Wahlstand beschimpft oder angegriffen wird. Mal beschwert sich jemand über Steinbrück, Türken schimpfen eher über Sarrazin. Cansel Kiziltepe sagt, sie versuche, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, auf ihre eigene Geschichte. Aber wenn ein Bild erst mal steht, kommt man kaum dagegen an. Sie klingt müde.

Der Wahlkampf muss trotzdem weitergehen, auch wenn er an den Haustüren gelegentlich absurde Züge annimmt. Einmal machen zwei arabischstämmige Jungs auf, vielleicht 14, 15 Jahre alt. Mit den Punkten vom Fragebogen können sie nichts anfangen. „Was ist Mindestlohn“, fragt einer der Jungs. Cansel Kiziltepe eilt weiter. Im sechsten Stock treffen sie eine Rentnerin an, die sich auf ein Gespräch einlässt. Die Kandidatin hat eine Idee, wie man die Frau für die SPD begeistern kann: „Kommen Sie doch mal zu Kaffee und Kuchen in der Kreisgeschäftsstelle, Frau Höhne“, sagte sie. Den Namen hat sie vom Klingelschild abgelesen. Frau Höhne will aber keinen Kaffee und Kuchen, Frau Höhne will ein Parteiprogramm. Cansel Kiziltepe guckt verwundert, als habe sie sowas noch nie erlebt, dass jemand ein Wahlprogramm haben will. Sie verspricht, eins zu schicken.

Im vierten Stock trifft Cansel Kiziltepe endlich auf eine jüngere Frau. Sie ist Studentin, eigentlich die Zielgruppe, die der SPD fehlt. Sie arbeitet den Fragebogen ab.

„Wollen Sie Mindestlohn von 8,50 Euro?“

„Klar, wer will das nicht?“, sagt die Studentin, „Gerne ein bisschen mehr“, fügt sie hinzu. Auf die Frage, warum die SPD damals, als sie in der Regierung war, den Mindestlohn nicht eingeführt hat, kommt in der Friedrichstraße niemand.

Die Kandidatin hat noch einen Punkt auf der Liste: „Was sind die Probleme, die die SPD bei einem Wahlsieg anpacken soll?“

Die Studentin will, dass nicht nur Reiche in der Innenstadt wohnen können. Cansel Kiziltepe nickt, sie bittet die Frau, wählen zu gehen. Um eine Stimme für die SPD bittet sie nicht.