Berlin - 99 Fragen sind eine Menge Holz. Sie können sich hinziehen wie ein langer, träger Strom. Mancher Journalist hat nach einem einstündigen Politiker-Interview gerade mal ein Dutzend Antworten im Block. Nicht so bei Moritz von Uslar. Der Erfinder einer Interviewkolumne in der Wochenzeitung „Die Zeit“ setzt auf Tempo. Hohes Tempo. „Wir wollen den Maschinengewehr-Steinbrück sehen“, sagt er zu Beginn dieses kurzen Abends im herrlich-morbiden Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte.

Da hat er mit dem Ex-Finanzminister den richtigen Sparingspartner gefunden: Steinbrück ist mit seinen 65 Jahren zwar eindeutig der Älteste in dem vom jungen Szene-Publikum bevölkerten Raum, seine Schlagfertigkeit kann es aber mit der des Moderators aufnehmen. „Was kosten die Schuhe, die Sie anhaben?“, will Uslar ziemlich am Anfang gleich den wegen seiner hohen Vortragshonorare unter Druck stehenden Gast provozieren. „Um die 150 Euro. Und Ihre?“, antwortet der Hanseat trocken. „Das sind ganz teure“, muss der Journalist antworten. Punkt Steinbrück.

Im Frage-und-Antwort-Stakkato saust das Gespräch durch Privates und Politisches, Kleines und Großes, Ernstes und Kurioses. Dass Steinbrück seine Doktorarbeit nie fertiggestellt hat, weil ein Hochwasser die ersten Seiten wegschwemmte, zum Beispiel: „Das hat mich vor dem Plagiatsvorwurf geschützt“, ulkt der Kandidat: „Was bin ich dem Hochwasser dankbar!“

Offener als in den vergangenen Tagen, wo Steinbrück auf dem SPD-Parteitag um die Gunst der Delegierten buhlen musste, räumt er auch seine politischen Vorlieben ein. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel hätte bei einem Wahlsieg den Zugriff auf einen Kabinettsposten seiner Wahl. Elke Ferner, die rothaarige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, wohl eher nicht. „Ist es Ihnen peinlich, dass Elke Ferner Sie jetzt gut findet?“, fragt Uslar. Steinbrück kann sich ein kräftiges Lachen nicht verkneifen. Ein paar Sekunden lang suchen seine grauen Zellen nach einer halbwegs witzigen und politisch doch nicht problematischen Antwort: „Wer hat Sie auf diese Frage gebracht?“, spielt er den Ball zurück.

Nach 35 Minuten ist das Wort-Duell vorbei. Steinbrück hat eine gute Figur gemacht. „Aufs Quatschen kommt es an“, hat ihm schon seine Mutter geraten. Und quatschen, das kann er. Nur einmal hat er einen leichten Aussetzer. Er möge doch einmal etwas „total Sozialdemokratisches“ sagen, fordert Uslar ihn auf. Steinbrück zögert, dann sagt er: „Auf Knopfdruck geht das nicht.“