Braunschweig - Braunschweig, warum denn Braunschweig? Stadt Heinrichs des Löwen, Stadt der Forschung, Stadt des Aufschwungs, Stadt mit einem Schloss-Nachbau der schlimmsten Sorte. Es hätte durchaus einige Erklärungen geben können, warum ausgerechnet Braunschweig Ort der diesjährigen Klausurtagung der SPD-Fraktion aus dem Berliner Abgeordnetenhaus war.

Doch keine Stadtrundfahrt, kein Honoratiorentreffen, keine Werksbesichtigung stand auf dem Programm. Die 47 Genossinnen und Genossen, samt Senat, Parteispitze und Mitarbeitertross auf die doppelte Reisegruppenstärke angewachsen, bewegten sich, außer mal spätabends zur Ü-30-Party in der Stadthalle, gar nicht aus dem hohen Sitzungssaal im Steigenberger Parkhotel heraus.

Also keine Reise mit politischer Symbolkraft wie die vor einem Jahr nach Kolberg in Polen, wo Völkerfreundschaft beschworen und Kränze niedergelegt wurden. Keine Reise mit politischer Sprengkraft wie die vor zwei Jahren nach Rostock, als der Wechsel an der SPD-Landesspitze diskutiert und vorbereitet wurde. Stattdessen saß man im ehemaligen Maschinenraum eines alten Wasserwerks, das sich das ansonsten blitzneue Vier-Sterne-Haus architektonisch einverleibt hat. Aber auch ein Maschinenraum kann eine politische Metapher sein.

Solides Arbeitsaggregat

Tatsächlich sind die SPD-Landesparlamentarier inzwischen zu einem soliden Arbeitsaggregat zusammengewachsen. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Fraktionsspitze mit Raed Saleh als Vorsitzendem und Torsten Schneider als Geschäftsführer startete ihre Amtszeit vor gut zwei Jahren komplett ungeübt. Im ersten Jahr holperte es kräftig, insbesondere was das Verhältnis zum Senat anging. Saleh und Schneider waren forsch, manchmal allzu forsch in Interpretation und Außendarstellung ihres neuen Selbstbewusstseins.

Inzwischen haben alle Beteiligten gemerkt, dass sie mit Absprachen im Vorhinein weiterkommen als mit Muskelspielen im Nachhinein. Wie gut das läuft, konnte man am Wochenende beobachten. Sämtliche Beschlüsse, meist zur Innenpolitik, wurden einstimmig und ohne viel Diskussion gefällt, was man zwar als Mangel an Debattierfreude kritisieren könnte. Der Wahrheit näher kommt jedoch, wer weiß, dass die Debatten schon vorher geführt wurden. Intern.

Die nächsten Wahlen zum Fraktionsvorstand stehen in diesem Frühjahr an, wohl im April, recht genau zur Halbzeit der Wahlperiode – und es gibt keinerlei Anzeichen, dass der junge Saleh, 36 Jahre alt, der sich seine Spitzenposition 2011 gegen einen von Senatschef Klaus Wowereit unterstützten Kandidaten erkämpfte, irgendeine Sorge um die Wiederwahl haben müsste.

Fast ein Drittel der Fraktion stand damals gegen ihn. Es dürften deutlich weniger geworden sein. An seiner Redekunst kann das übrigens nicht liegen, denn die ist nach wie vor nicht ausgeprägt. Salehs Vortrag der – selbstverständlich positiven – Fraktionsbilanz war selbstbewusst und vollständig, mitreißend aber gar nicht.

Die Talente Salehs

Doch so wenig man sich von großer Rhetorik blenden lassen darf, sollte man sich vom Gegenteil täuschen lassen. Die Talente Salehs, eines Arbeiterkindes aus dem Spandauer Milieu, liegen woanders. Und darin ist er hochbegabt: im Kommunizieren, Einbinden, Versprechungen machen, Versprechungen halten, Verprellungen vermeiden – aber eben auch mal riskieren, wenn es um die Sache geht. Durch den Maschinenraum in Braunschweig schlenderte Saleh jedenfalls, angemessen leger mit Anzug ohne Schlips, meist mit einem entspannten Lächeln im Gesicht. Er plauderte hier, plauderte dort, wie ein Hoteldirektor, der mit Freuden sieht, wenn der Laden läuft. Ans Mikrofon ging er nach seinem Bilanzreferat nicht noch einmal.

Da es diesmal um innenpolitische Themen ging, ein Ressort, das der Koalitionspartner CDU besetzt, waren die mitgebrachten Senatsmitglieder so gut wie arbeitslos. Umso interessanter, wie oft sich der Regierende Bürgermeister zu Wort meldete. Und wie er es tat: Ob zum Bäder-Neubau, zum Polizeiaufgebot bei Demonstrationen, zum neuen Stadtwerk, stets hatte der Senatschef ein paar Anmerkungen und Bedenken vorzutragen, teils oberlehrerhaft und gern auch mal als nörgelnder Zwischenrufer aus der zweiten Reihe.

Mit den neuerdings wieder zurückgegelten Haaren sieht der 60-Jährige Alec Baldwin ähnlicher denn je – es ist wohl eine Art Künstlerfrisur. Seine aufgetragenen Pullover in braun und blau dagegen zeugen von jener schnoddrigen Behaglichkeit, die Wowereit immer dann nach außen kehrt, wenn er seine Unangreifbarkeit präsentieren will. Ordentliches Oberhemd? Brauch ich nicht.

Mehrheiten konnte und wollte Wowereit jedenfalls nicht kippen. Er gab sich zufrieden mit der Mahnung am Rande und zeigte vor allem, dass er, Chef seit zwölf Jahren, zu jedem Thema noch Senf im Schrank hat. Kochen aber, das tun inzwischen andere. Wenn Wowereit, wie angekündigt, Ende 2015 noch einmal Spitzenkandidat werden will, wird er ein Hemd bügeln müssen.