SPD Pankow: Warum führte ein Funktionär dort jahrelang ein Doppelleben?

Er trug einen angeklebten Bart, verfälschte seinen Namen: So schummelte sich ein Journalist in die Pankower SPD, um Politik zu machen. Nun flog alles auf.

Silhouette von Franziska Giffey bei einer SPD-Veranstaltung. Sie wurde jüngst von Brüggmann attackiert.
Silhouette von Franziska Giffey bei einer SPD-Veranstaltung. Sie wurde jüngst von Brüggmann attackiert.IPON/Imago

Auf Fotos versteckte er sich in der letzten Reihe, manchmal klebte er sich einen falschen Bart an, dabei war Matthias Brückmann, wie er sich schrieb, wenn es um die Partei ging, jahrelang Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Pankow. Jetzt flog der Journalist vom Handelsblatt auf – und bei den Genossen rumort es. 

Es war ein zu lauter Aufritt, der Mathias Brüggmann (so der richtige Name) nun Kopf und Kragen kostete. Als die SPD Pankow am vergangenen Sonnabend über eine mögliche Koalition mit der CDU debattierte, schritt der Journalist und SPD-Funktionär kurzerhand ans Mikrofon und hielt eine flammende Rede gegen Franziska Giffey. „Du bist an Wahlkampfständen eher als Wählerschreck denn als Magnet wahrgenommen worden“, rief er in ihre Richtung. 

„Wählerschreck“, allein diese Wortwahl erhitzte die Gemüter. In einem parteiinternen Whatsapp-Chat überschlugen sich die Kommentare. Ein Kreisvorstands-Beisitzer attackierte den SPD-Funktionär besonders hart: „Was ich ganz großartig finde – das Maul groß aufreißen und dann (wie früher) mit falschem Bart und heute mit falschen Namen einen auf Wutbürger machen und nicht mit offenem Visier arbeiten.“

„Als das dann auch noch öffentlich gemacht wurde, war die Bombe geplatzt“, sagt eine SPD-Frau auf Nachfrage der Berliner Zeitung, die anonym bleiben möchte. Sie kennt Brüggmann schon länger. Er sei ihr schon oft als sehr frauenfeindlich aufgefallen, sagt sie. Er gehe sehr harsch mit Frauen um. „Der Angriff gegen Giffey passt zu ihm“, legt sie nach.

Falsche Wortwahl, Schummeln beim Namen – die SPD Pankow hat seitdem ein Problem. Presseanfragen prasseln auf sie nieder. Man versucht, den Schaden zu begrenzen. Brüggmann selbst scheint abgetaucht. Und alle fragen sich, was den Mann umgetrieben hat, ein Doppelleben zu führen.

Die Antworten, die man erhält, sind nicht befriedigend. Brüggmann habe einen gefälschten Namen benutzt, um in keinen Interessenskonflikt mit seinem Arbeitgeber, dem Handelsblatt, zu geraten, heißt es in der SPD. Und so habe er sich auf Fotos immer im Hintergrund gehalten, E-Mails unter falschen Namen verschickt und selbst auf Parteitagen habe er versucht, unerkannt zu bleiben. Bis zu jenem Sonnabend, als er Frau Giffey beschimpfte.

Brüggmann engagiert sich seit Jahren in der SPD

Brüggmann engagiert sich seit Jahren in der SPD, von 2018 bis 2022 war er Co-Vorsitzender des Ortsverbands Kollwitzplatz, Winskiez, Kastanienallee. Auch aktuell ist er noch als Vorstandsmitglied gelistet. Aus seiner im Internet veröffentlichten Vita geht hervor, dass er außerdem seit 1999 beim Handelsblatt arbeitet, zunächst als Moskau-Korrespondent, später als Experte für Osteuropa, die arabische Welt und den Iran. Über Innenpolitik berichtete er ebenso. Seine Texte erschienen im Handelsblatt manche auch im Tagesspiegel. Brüggmann ist ebenso Buchautor, im Oktober 2022 erschien „1001 Macht Fußball - Flüssiggas, Finanzimperium. Der märchenhafte Aufstieg des Emirats Katar vom Wüstenstaat zum Global Player“. Neben der SPD engagiert er sich zudem in der evangelischen Kirche.

Zeitgleich kommen immer mehr Geschichten ans Licht. Als Michael Müller 2016 Vorsitzender der Hauptstadt-SPD werden wollte, bekam er auf dem Parteitag exakt zwei Gegenstimmen. Der Tagesspiegel schrieb damals: „Zwei Personen verweigerten Müller die Unterstützung bei der Nominierung. Einer von ihnen ist Burkhard Zimmermann, langjähriger Ortsvorsitzender in Dahlem. Eine zweite Person, die gegen Müller votierte, verschwand unmittelbar nach der Abstimmung. Sie trug einen falschen Bart. Der Mann war nicht mehr aufzufinden.“ Inzwischen kam raus, dass es Brüggmann gewesen sein soll, der sich einen falschen Bart angeklebt habe.

Das Täuschen scheint sein Ding zu sein: 2016 war der Handelsblatt-Journalist als angeblicher Brexit-Befürworter in London unterwegs, setzte sich ein lustiges Union-Jack-Hütchen auf, klemmte sich Papierfähnchen unter den Arm und begab sich auf die „Leave“-Party im Millbank Tower an der Themse, um den Ukip-Jublern über die Schulter zu schauen. „Mit Tarnung“ sei er „an Exklusiv-Informationen gekommen“, schrieb er damals.

Man habe Brüggmann jahrelang machen lassen, sagt die SPD-Frau aus Pankow. Ebenso hätten alle gewusst, dass er seine Identität in der SPD verschleiert habe. Sie fügte hinzu: „Ich glaube daher nicht, dass irgendwer aus der Führungsriege geschockt war. Die wussten alle Bescheid.“

Die Redaktion vom Handelsblatt reagierte inzwischen auch, beurlaubte den Korrespondenten. Vonseiten der Chefredaktion hieß es, Brüggmanns politisches Amt sei nicht bekannt gewesen. Nun sollen seine Texte untersucht werden, ob sie dem Anspruch der redaktionellen Unabhängigkeit gerecht geworden sind. Und auch bei der Pankower SPD laufen die Diskussionen. Es solle Konsequenzen geben, hieß es. Welche, ließ man offen.