Berlin - Wer zu Steffen Reiche möchte, der muss erst einmal die Garderobe der Kita passieren. Im Eingangsbereich des Gemeindehauses am Kirchweg in Nikolassee sind graue Metallspinte montiert. Eine Erzieherin hilft zwei kichernden Jungen, etwas zu suchen. „Eine Treppe hoch“, antwortet sie auf die Frage nach dem Weg zum Pfarrer. Aber der ist noch nicht zu Hause. Einige Minuten später hastet er die engen Stufen hinauf. „Eine Beerdigung“, sagt Reiche entschuldigend. Das Büro gleich hinter der Eingangstür sieht nach viel Arbeit aus. Es bildet auch den Durchgang in den hellen, freundlichen Wohnbereich. Der ist nur spärlich möbliert. Ein asiatisch anmutendes Tischchen, drum herum drei Stühle, vor der Wand steht ein Paravent.

All seine Vorgänger haben noch in einer noblen Villa gleich gegenüber gewohnt. Die ist jetzt privat vermietet. Das bringt etwa so viel ein, wie eine Pfarrstelle kostet, meint Reiche. „300 Quadratmeter, das wäre für mich eh viel zu groß gewesen.“ Die Mieteinnahmen der Pfarrvilla erleichtern auch die teure Instandhaltung des großen Gemeindehauses, einem denkmalgeschützten 20er-Jahre-Bau, in dem allwöchentlich bald ein Dutzend regelmäßige Veranstaltungen und Gruppentreffen stattfinden.

Steffen Reiche ist jetzt 52. Die kurz geschnittenen Haare sind grau geworden. Der Bart ist schon lange ab. Aber gelegentlich vermittelt er noch immer den Eindruck eines etwas schlaksigen, sehr begeisterungsfähigen großen Jungen. Immer wieder springt er auf, um Flyer zu holen für besondere Veranstaltungen. Gerade läuft eine Werkschau der Dokumentarfilmerin Britta Wauer, die er noch aus früheren Zeiten kennt. Jeden ersten Freitag im Monat gibt es ein Jazzkonzert im Gemeindesaal. Und immer wieder anspruchsvolle Buchlesungen. Ostern hatte er besonders viel zu tun. Reiche hielt Gottesdienste am Gründonnerstag, am Karfreitag und am Ostersonntag gleich zwei. Um 6 Uhr und um 10 Uhr.

Schlag auf Schlag

Begeistert erzählt er von der Offenheit der rund 3 500 Mitglieder zählenden Gemeinde im gutbürgerlichen Südwesten Berlins. Von dem verlässlichen Interesse an den Gottesdiensten, der großen Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement und zum intellektuellen Diskurs. Viele gut situierte Geschäftsleute leben hier, höhere Beamte, Intellektuelle. Auch eine alte Bekannte hat Steffen Reiche in Nikolassee wieder getroffen: die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan. Zu seinen Ministerzeiten in Brandenburg rückte sie 1999 als Präsidentin an die Spitze der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder). „Das Schöne ist: Diese Gemeinde empfindet einen Pfarrer, der ihr etwas sagen will, nicht als Bedrohung“, sagt er. „Hier erlebe ich Berlin von einer wirklich angenehmen Seite.“

Seine erste Pfarrstelle trat Steffen Reiche in Christinendorf an, nahe dem heute brandenburgischen Trebbin. Fast ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her. Damals war Reiche gerade 28 und Christinendorf lag noch im DDR-Bezirk Potsdam. Die Glienicker Brücke war noch ein streng bewachter, unüberwindbarer Grenzkontrollpunkt. Schon kurze Zeit später gehörte der junge Mann mit dem schwarzen, strubbeligen Vollbart zu jenem von Theologen dominierten Kreis, der am 7. Oktober 1989 die SDP gründete, die Sozialdemokratische Partei in der DDR.

Von da an ging alles Schlag auf Schlag. Einige Tage später begab sich Reiche auf eine schon Monate zuvor beantragte, zum eigenen Erstaunen genehmigte „Westreise“. Irritiert bis neugierig suchten Medien- und SPD-Vertreter den Kontakt zu dem jungen Pfarrer aus der DDR und reichten ihn herum. Steffen Reiche lacht oft, wenn er Geschichten aus dieser Zeit erzählt, die jeden Tag neue Überraschungen bereit hielt. Er war der erste aus der gerade gegründeten, für die Westdeutschen so schwer einschätzbaren Partei, der an einer Sitzung des SPD-Bundesvorstandes in Bonn teilnahm. Es gibt ein altes Foto aus diesen Oktobertagen, auf dem der damalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel dem großen, jungen Mann in schwarzer Kunstlederjacke die Hand schüttelt.

Der Wandel

So begann eine politische Blitzkarriere, wie sie nur in deutschen Wendezeiten möglich war. Der gebürtige Potsdamer zog in die letzte DDR-Volkskammer ein. Er wurde Brandenburgs erster SPD-Vorsitzender. Ständig in Aktion, sprühend vor Ideen, die seine Mitstreiter gelegentlich überforderten. Damals wurde er eher dem linken Lager zugerechnet, das auch eine Zusammenarbeit mit der SED-Nachfolgepartei PDS nicht scheute. Mit 34 holte ihn der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe in sein Kabinett. Erst als Wissenschaftsminister, später zuständig für Bildung, Jugend und Sport.

Nach den Landtagswahlen 2004 folgte der erste schmerzliche Einschnitt. In der Regierungsmannschaft des neuen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck war für Steffen Reiche kein Platz mehr. Damit endete auch eine seit den Wendetagen gewachsene Freundschaft. Reiche wechselte zunächst in den Bundestag nach Berlin. Dann fiel 2009 in Brandenburg auch noch eine Reihe sicher geglaubter SPD-Stammwahlkreise an die Linkspartei. Das traf gleich zwei Pfarrer aus der SDP-Gründergeneration: Markus Meckel verlor sein Abgeordnetenmandat in der Uckermark, Steffen Reiche seines in der Lausitz.

Meckel, Jahrgang 1952 und einst Außenminister in der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière, hält jetzt Vorträge, nimmt an Konferenzen teil zu Fragen der Außenpolitik und der DDR-Aufarbeitung. 20 Jahre Mitgliedschaft im Bundestag, sagt er, sichern ihm ein gutes Auskommen. Für Steffen Reiche, Jahrgang 1960, Vater von drei heute erwachsenen Töchtern, lagen die Dinge etwas anders.

Nach dem abrupten Ende seiner turbulenten politischen Laufbahn ging er erst einmal auf Reisen. Zwei Monate Indien, China, Vietnam. „Das hat mir zweifellos hohe Therapiekosten erspart“, sagt er und lacht, etwas bitter. Nach seiner Rückkehr meldete sich der „Pfarrer im Wartestand“ bei seinem ersten Arbeitgeber zurück, dem Konsistorium der Evangelischen Kirche.

Predigt auf Facebook

Reiche übernahm Krankheits- und Mutterschaftsvertretungen im brandenburgischen Michendorf und in den Berliner Bezirken Köpenick und Charlottenburg. Im vergangenen August trat der ehemalige ostdeutsche Wendeaktivist seine Pfarrstelle im tiefsten ehemaligen West-Berlin an. In Nikolassee gab es zuvor mehrere Wechsel und heftige Spannungen in der Gemeinde. Deswegen ist Reiche vorerst noch als „Interimspfarrer“ ausgewiesen. Aber diesmal will er bleiben: „Ich bin hier glücklich angekommen.“

Steffen Reiche predigt gerne. Er liebt die intellektuelle Auseinandersetzung. Das war schon seinen Reden im Potsdamer Landtag gelegentlich anzumerken. Gewürdigt wird es erst in seinem neuen Wirkungsfeld. Manche Besucher seiner Gottesdienste lesen die Predigten sogar gerne nach. Er hat dafür einen E-Mail-Verteiler eingerichtet und veröffentlich die Texte gelegentlich auch auf seiner Facebook-Seite. All seine E-Mails enden mit der Jahreslosung 2013: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern suchen die zukünftige. (Brief an die Hebräer 13, 14)“ Jetzt, nach Ostern bietet Steffen Reiche wieder einen Glaubenskurs an, für Erwachsene, die sich der Kirche nähern und solche, die sich ihrer Beziehung zu Gott neu vergewissern wollen.

Und die ostdeutsche Herkunft, das SPD-Parteibuch? Ist das im eher konservativen Berliner Südwesten, einem der gutbürgerlichsten Ortsteile der Stadt, überhaupt kein Thema mehr? „Nein“, sagt Steffen Reiche und es klingt so, als ob ihn die Frage mehr verwundert als seine Antwort. Nein, seine politische Vergangenheit habe in all seinen Gesprächen und Begegnungen als Pfarrer in Nikolassee bislang überhaupt keine Rolle gespielt. Und in seiner Gegenwart, sagt Reiche, spielt die Partei auch keine Rolle mehr. Er sei noch Mitglied in der brandenburgischen SPD, auch in einigen Arbeitskreisen. Aber mehr nicht.