Spendable Weihnachten: Deutschland hilft – trotz Sorgen, trotz Energiekrise

Viele Berliner spenden gerade für die Ukraine, obwohl sie selbst besorgt sind und sparen müssen. Hilfsorganisationen sind mit dem Spendenvolumen zufrieden. 

Müsli dringend gesucht: Ina Pfingst von der Organisation Spendenbrücke Ukraine im Hangar 1 des ehemaligen Flughafens Tempelhof.
Müsli dringend gesucht: Ina Pfingst von der Organisation Spendenbrücke Ukraine im Hangar 1 des ehemaligen Flughafens Tempelhof.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Die Helfer im Hangar 1 des ehemaligen Flughafens Tempelhof müssen wieder ordentlich anpacken. Kisten und Tüten mit gespendeten Kleidungsstücken und Schuhen stapeln sich wenige Tage vor Weihnachten auf zusammengestellten Tischen. Die Helfer sortieren zunächst den Inhalt. Schuhe oder Bekleidung für Männer, Frauen und Kinder legen sie sortiert in entsprechend beschriftete Kartons. Andere Freiwillige packen die gespendeten Gegenstände dann wieder ein. „Die Kartons werden foliert und kommen auf die Paletten“, erklärt Sarah Schmidt, Koordinatorin für das Hilfsgüterlager der Spendenbrücke Ukraine im früheren Flughafen. 

Lastwagen holen die Kartons voller Wollpullover oder Winterstiefel in Berlin ab und fahren sie in den Westen der Ukraine. Dort werden sie umgeladen auf die Fahrzeuge ukrainischer Helfer. Diese bringen die Hilfsgüter zu den Menschen an den Fronten im Süden und Osten des Landes. Viele Ukrainer leben in den umkämpften Gebieten seit Monaten in Kellern unter der Erde. Ihre Häuser wurden zerstört. Strom und Heizung sind in der ganzen Ukraine ein knappes Gut. In diesem Dezember ist es bei Minustemperaturen bitterkalt.

Ina Pfingst blickt zufrieden auf den Berg an gespendeten Gütern. Noch vor einigen Wochen habe Leere in der Abgabe- und Sortierzone des Hangars geherrscht, erzählt sie. „Wir mussten Ehrenamtliche manchmal nach Hause schicken, weil es kaum Spenden zu sortieren gab“, sagt die Sprecherin der Organisation Spendenbrücke. Die Adventszeit habe die Flaute beendet.

Das scheint auch dringend nötig zu sein. Denn die Not nimmt nicht nur in der Ukraine zu. Pfingst berichtet, dass die Spendenbrücke auch Geflüchtete in Berlin mit warmer Kleidung versorgen muss. Viele erreichten deutschen Boden nur mit dem, was sie am Körper tragen. „Die Kleiderkammern in Berlin sind leer. Wir bekommen Anfragen von Erstaufnahme-Einrichtungen und anderen Hilfsstellen in Berlin“, sagt Pfingst.

Der Bedarf ist größer als das Angebot

Der neue Schwung in der Spendenbereitschaft reiche nicht aus, um den Bedarf zu decken, erklärt die Sprecherin. Wie zur Bestätigung wird nebenan im Flughafengebäude bereits an einer Notunterkunft für Geflüchtete gewerkelt. Das Landesamt für Flüchtlinge (LAF) verkündete vor wenigen Tagen, dass eine Unterbringung im Hangar des ehemaligen Flughafens die letzte Option sei, um den vielen neu ankommenden Menschen über Weihnachten ein Dach über dem Kopf zu bieten. 

Laut Pfingst hat sich die Spenden- und Hilfsbereitschaft im Jahr 2022 in Wellen entwickelt. Nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine hätten sich die von Berlinern abgegebenen Hilfsgüter bis zur Höhe der Fenster des Hangars gestapelt. „Es gab so viele Freiwillige, und trotzdem kamen wir kaum nach“, erzählt Pfingst.

Der Krieg in der Ukraine wurde zur neuen Normalität

Die Hilfsbereitschaft nahm mit dem Ende des Frühjahrs dann stetig ab, kam nach dem Sommer fast zum Stillstand. Die Sprecherin der Spendenbrücke glaubt nicht, dass damals Inflation und Sorgen vor steigenden Energiekosten die Spendenbereitschaft zum Erliegen gebracht haben. „Das war im Sommer noch nicht so präsent wie jetzt. Ich denke, dass es einen Gewöhnungseffekt an den Krieg gegeben hat“, sagt Pfingst.

Internationalen Hilfsorganisationen ist das Phänomen bekannt. Eine Katastrophe verdrängt die andere und lenkt den Fokus der Berichterstattung von Notfall zu Notfall quer über den Erdball. 

Der Krieg in Osteuropa betrifft durch die Energiekrise das Leben der Bundesbürger allerdings direkt und bestimmt immer noch täglich die Schlagzeilen. Das Leid der Ukrainer trat in den vergangenen Monaten allerdings zurück hinter die Sorgen der Deutschen wegen steigender Energierechnungen und Lebensmittelpreise.

Die Auswahl an Hilfsgütern, die derzeit im Hangar zu sehen sind, könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Berliner bei aller Großzügigkeit beim Spenden inzwischen etwas zurückhaltender sind. So findet sich gebrauchte Kleidung zuhauf. Weniger gut bestückt sind dagegen die Regale mit gespendeten Lebensmitteln. Die Verbraucher spüren die Inflation beim Gang in den Supermarkt besonders. 

Müsli wird dringend gebraucht

Müsli steht nicht im Lebensmittelregal auf dem Hangar. Cerealien oder Dosenbrot, die auch bei Stromausfällen sättigen können, werden in der Ukraine aber derzeit dringend benötigt, erklärt Pfingst. Manche Spender haben Pfeffernüsse und Printen in ihre Pakete gepackt. „Die Berliner spenden mit Herz“, sagt die Sprecherin. 

Genaue Zahlen über die Spendenbereitschaft der Berliner und der Deutschen können Hilfsorganisationen erst nach ihren Bilanzen Anfang kommenden Jahres vorlegen. Auswirkungen von Inflation und Energiekrise lassen sich zumindest bei den vom Volumen her viel bedeutenderen Geldspenden ihrer Einschätzung nach kaum erkennen. Brot für die Welt schätzt, dass das Spendenaufkommen 2022 sogar höher ausfallen dürfte als in den Vorjahren. Die Organisation führt das auf die Mobilisierung der Gesellschaft durch den Ukraine-Krieg zurück.

Organisationen erwarten Spendenrekorde

Laut der Aktion Deutschland hilft dürften die Spenden 2022 die Summe von 330 Millionen Euro aus dem Jahr 2021 erreichen. Deutschland hilft verzeichnete im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben einen Rekord an Einnahmen. 243,4 Millionen Euro seien in diesem Jahr allein der Nothilfe Ukraine zugeflossen. „Wir erleben hier eine kontinuierlich anhaltende Spendenbereitschaft, die auch jetzt in den Wintermonaten spürbar hoch bleibt“, sagt der Sprecher Mark Offermann.

Eine Gitterbox steht vor dem Eingang der Spendenannahme am Hangar 1. Berlinerinnen und Berliner können auch an den Feiertagen Sachspenden abgeben. Ina Pfingst will keine Prognose abgeben, wie die Spendenbereitschaft sich im kommenden Jahr entwickeln wird. Sicher scheint nur, dass der Bedarf auch im kommenden Jahr groß sein wird.