Pannier- Ecke Weserstraße: Im Neuköllner Party-Epizentrum wurde nicht überall auf die neue Sperrstunde geachtet. 
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Benjamin Pritzkuleit

BerlinUm halb zwölf noch ist es auf der Weserstraße in Neukölln voll wie immer. Jedenfalls auf dem Abschnitt zwischen Reuterplatz und Pannierstraße, wo sich Bars, Restaurants und Kneipen aneinanderreihen, dazwischen Small Ali, ein Späti. Aber der Eindruck täuscht. Als ein Gast nach einem Bier fragt, sagt die Frau hinter der Plexiglasscheibe vor dem Tresen im Silver Future: „Wir machen in einer halben Stunde zu.“ Nebenan, im Kaduka, kommt man fünf Minuten später schon gar nicht mehr rein. „Wir hatten  schon letzte Runde“, sagt der Kellner. „Du wirst hier gleich nirgendwo mehr was zu trinken bekommen, nicht mal an einer Tankstelle.“

In der Nacht von Freitag auf Sonnabend um null Uhr sollen die Ausgeh-Orte schließen in der Stadt der langen Nächte, die seit 71 Jahren keine Sperrstunde kennt. Von Sonnabend gilt die Sperrstunde dann bereits 23 Uhr. Bis Ende Oktober soll die neue Regelung zunächst gelten. Das soll helfen, die Pandemie zu bekämpfen.

Das Ordnungsamt hat in der  Neuköllner Kneipenzone offenbar schon am Freitagnachmittag klargemacht, dass man bereit ist, Regeln durchzusetzen. „Fünfzig Euro haben die kassiert, weil meine Maske unter der Nase hing. Und wenn du jetzt noch Alkohol ausschenkst, riskierst du 5000 Euro“, sagt der Mann vom Kaduka. Er wirkt so fassungslos wie beeindruckt.

In der Weinbar Vin aqua Vin ein paar Häuser weiter wird auch um kurz nach Mitternacht noch Wein ausgeschenkt, es wirkt, als wüsste man dort nichts von einer Sperrstunde. Und so ist es wohl wirklich. Die Wirtin aus der Cocktailbar Thelonius kommt herüber und warnt ihren französischen Kollegen. „Da hinten kommen die vom Ordnungsamt schon“, ruft sie. Das ist falscher Alarm, aber der Franzose eilt sofort zum ersten Tisch, an dem Gäste sitzen. „Zu, zu“, ruft er. „Tut mir leid, sofort bezahlen.“ Eine Viertelstunde später ist auch dieser Laden leer.

Die Warnerin steht jetzt in der Tür ihres eigenen Ladens, der Blick fällt auf die lange Bar, an der eben noch Menschen saßen. Sie erzählt, dass sie heute Nachmittag die ungewohnten Sperrstundenregeln für ihre Mitarbeiter formuliert hat: Um zehn Uhr letzte Runde, um 22.45 Uhr unaufgefordert die Rechnung hinlegen. „Das bisschen Bar, das uns noch bleibt“, hat sie das Dokument betitelt. „Wir gucken uns das jetzt eine Woche an und entscheiden dann, ob wir ganz zu machen.“ Normalerweise machen sie ihre Umsätze zwischen elf und drei. Doch in der Zeit ist jetzt zu. „Ich verstehe ja, dass man was machen muss“, sagt sie noch.

Bei Small Ali warten sie bis zur letzten Minute, bevor sie die Bierbänke auf dem Gehweg zusammenklappen. Gäste helfen. Jetzt heißt es, noch Vorrat für die Party zu Hause anzulegen. Plastiktütenweise werden Sixpacks, Sektflaschen, Jägermeisterflaschen aus dem Späti getragen. Draußen knallt ein erster Korken.  „To ours“, ruft eine junge Frau. „Wir gehen zu uns.“

Auf der Sonnenallee scheint um kurz nach halb eins tatsächlich tote Hose zu herrschen. Doch bei City Chicken Ecke Weichselstraße ist noch Betrieb. Draußen sind mehrere Tische besetzt, drinnen warten  Leute auf ihre halben Hähnchen. Doch halt, da stehen zwei Polizisten an der Theke. Wollen sie den Laden dicht machen? Nein. Sie sind Kunden, kommen ein paar Minuten später mit Tüten voller Fastfood heraus. Was für ein Berlin-Moment! Ein Kollege vom Spiegel ist auch da.  Wir stellen uns der Polizei vor. Sollte City Chicken nicht zu sein? „Ja,  ja, aber wir müssen unsere Kollegen verpflegen.“ Die beiden eilen zu ihrem Wagen.  „Wenn Sie noch Fragen haben, da hinten ist der Abschnitt.“  Sie zeigen in Richtung des Reviers ein paar Querstraßen weiter.

Zurück zum Reuterplatz. Vor dem Späti dort stehen vielleicht 40 Menschen. Zwei Polizeiwagen fahren langsam vorbei und lassen eine Ansage mit den neuen Corona-Regeln laufen. Zwischen 23 und 6 Uhr gilt ein sogenanntes Zerstreuungsgebot. Maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten oder mehr Personen aus höchstens zwei Haushalten dürfen sich nachts gemeinsam im öffentlichen Raum aufhalten. Nichts passiert, die Polizei fährt weiter.

Es ist kurz nach eins, der Blick in ein geschlossenes Restaurant an der Weserstraße erinnert an das Gemälde „Nighthawks“ von Edward Hopper. Fahles Licht, in einer Ecke zwei, drei Angestellte, die noch eine Zigarette zusammen rauchen und unglaublich einsam wirken. Das Ratzeputz aber ist brechend voll, ein Laden schräg gegenüber auch. Sie haben den von Gesundheitsminister Spahn ausgerufenen Charaktertest für die Gesellschaft wohl nicht bestanden. Auch im Bruch auf der Pannierstraße brennen kurz vor zwei Uhr noch die Kerzen auf den Tischen. „Ist hier keine Sperrstunde?“ Der Kellner lehnt sich über den Tresen. „Willst du ein Bier?“

Ein Abstecher führt zur Bar am Ufer am Kiehlufer, eine der sechs, die per Eilantrag die Sperrstunde als unverhältnismäßig kritisiert haben, da die Zunahme der Fallzahlen auf private Treffen und illegale Partys zurückgehen soll. Und als sinnlos, weil junge Menschen sich dann an anderen Orten treffen würden. Der Laden ist zu. Zwei Angestellte sitzen noch auf der Türschwelle und rauchen. „Lieber vorsichtig sein“, sagen sie.

Dass die jungen Menschen sich an anderen Orten treffen, ist in dieser Nacht nicht von der Hand zu weisen. Manche Trafo-Station auf den Gehwegen Neuköllns ist zum Tresen umfunktioniert worden. Vor einem geschlossenen Späti hört eine Gruppe spanisch sprechender Menschen Udo Lindenberg und tanzt. „Wenn jemand glaubt, sein Lebensglück liege darin, sich nachts um drei auf der Straße besaufen zu können, und wenn er nicht begreift, dass er damit sich und andere gefährdet, dann muss man mit aller Klarheit dagegen vorgehen, und das werden wir auch tun“,  hat der Berliner Regierende Müller gesagt. Neben dem Basketballplatz vor der Rütlischule stehen 20, 30 Leute, also mindestens 15 mehr, als das Zerstreuungsgebot erlaubt. Sie halten Bierflaschen in der Hand, sprechen Englisch und sehen tatsächlich recht zufrieden aus. Nachschub ist kein Problem. Beim Späti ein paar Häuser weiter ist noch Licht.