Zuletzt hatte der alte Mercedes monatelang ungenutzt am Straßenrand gestanden. Charlotte und Sebastian Krug wohnen mit ihren beiden Kindern, der Große vier, die Kleine ein Jahr alt, in Berlin-Neukölln. Kita und Einkaufsmöglichkeiten sind in Laufweite, die nächste U-Bahnstation um die Ecke. Wozu dann noch ein Auto? „Wir fahren es so gut wie nie, es ist teuer, also haben wir es Anfang des Jahres spontan verkauft“, erzählt Charlotte Krug. „Und dann dachten wir uns: Wir haben Geld und so ein Lastenrad wäre doch praktisch.“

Die Idee, Fahrräder als Transportmittel für schwere Ladung zu nutzen, ist alt. Schon Ende des 19. Jahrhunderts nutzten Boten das Rad, um ihre Lieferung zu transportieren. Die Deutschen haben das Lastenrad vor wenigen Jahren neu entdeckt. Fahrradkuriere und Lieferdienste sind mit Transporträdern unterwegs, ganze Kioske rollen auf Rädern, neuerdings kommen auch ADAC-Pannenhelfer zu Hilfe geradelt.

Zwei- oder Dreirad?

„Gerade im gewerblichen Bereich beobachten wir seit 2013 einen Trend hin zum Lastenfahrrad“, bestätigt Anika Meenken vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Im Vergleich zum Pkw oder Transporter sei die Anschaffung eines Lastenrads günstiger, man komme schneller ans Ziel und brauche keinen Parkplatz. Und auch in der Ökobilanz schneide das Lastenrad besser ab als der Kleinwagen: Nach Berechnungen des VCD spart das Transportfahrrad im Vergleich zum Pkw 800 Kilogramm Kohlenstoffdioxid pro Jahr, wenn es täglich 20 Kilometer bewegt wird.

Für Charlotte und Sebastian Krug, die sich seit Längerem mit Fragen des Umweltschutzes beschäftigen, ein Grund mehr, ganz aufs Rad umzusteigen. Doch die Auswahl ist groß. Soll es lieber das stabile, dafür behäbige Dreirad sein oder ein sportlich-schnittiges Zweirad? Werden die Kinder in Sitzen auf einem extra langen Gepäckträger transportiert oder fahren sie besser vorne in einer Kiste mit?

Familien gehören zur Hauptkundschaft

Gaya Schütze betreibt seit 30 Jahren den Fahrradladen Mehringhof in Berlin-Kreuzberg. Vor zehn Jahren bot sie erstmals Lastenräder an. „Damals haben wir genau ein Transportfahrrad verkauft“, erinnert sie sich. Mittlerweile seien es etwa 100 im Jahr. Familien gehören zur Hauptkundschaft. „Manche denken ökologisch, die meisten aber vor allem praktisch: Die sparen sich das Zweitauto oder haben gar keins. Und dann hören sie in der Kita von Eltern mit Lastenrädern und wollen auch eins.“

Den meisten empfiehlt Schütze die dreirädrige Variante. „Das ist praktischer im täglichen Leben. Man sitzt einfach drauf, muss kein Gleichgewicht halten.“ Müttern sei oft die Sicherheit wichtig und dass sie ihre Kinder gut im Blick hätten. Zu den Marktführern im Bereich der Dreiräder gehört die Marke Christiania aus Dänemark, aber auch ähnliche Modelle von anderen Herstellern hat Schütze im Angebot.

Der Klassiker ist Bakfiets aus den Niederlanden

Kunden, meist Männer, die eine zügige Fahrweise bevorzugen, rät die Fahrrad-Expertin zum Zweirad. Bullitt sei hip, verrät sie, eine sportliche Variante des Lastenrads aus Dänemark: „Diese Marke hat wesentlich dazu beigetragen, dass es auch bei jüngeren Leuten einen Boom gibt.“ Eltern, die sich auf einen zweirädrigen Kompromiss einigen wollen, entscheiden sich hingegen oft für den Klassiker Bakfiets aus den Niederlanden: „Das ist die Familienkutsche, wenn es zweirädrig sein soll. Damit können auch Frauen sich anfreunden, weil es nicht ganz so sportlich fährt.“

Von billigen Produkten aus China warnt Gaya Schütze dringend ab, bei Ebay-Angeboten für 700 Euro für ein Bakfiets-Lastenrad müsse jeder Käufer stutzig werden: „Es muss schon das Original aus Holland sein.“ Das koste dann zwar um die 2.000 Euro, dafür halte es aber auch gut 30 Jahre und könne danach immer noch weiterverkauft werden.

Familie Krug kurvt seit gut drei Monaten mit einem dänischen Dreirad durch ihren Kiez. „Am Anfang war es schwierig“, gibt die Mutter zu, „als würde man einen Kahn fahren.“ Doch mittlerweile ist das Rad fest in den Familienalltag integriert, für den Einkauf um die Ecke oder einen Ausflug in den nahe gelegenen Park. Die Kinder sind zu begeisterten Beifahrern geworden: „Vorne sitzen, alles sehen, jede Bodenwelle spüren – das macht denen großen Spaß.“ Und der alte Mercedes? Ist längst vergessen.