Die Waldemarstraße in Kreuzberg wurde für ein paar Stunden zur temporären Spielstraße.
Foto:  BLZ/Volkmar Otto

BerlinWer bei den Worten „Autofreier Tag“ denkt, dass sie einen Tag ohne Autos ankündigen, der hat sich  fehlleiten lassen. Der internationale Aktionstag soll einen Beitrag zu einer klimafreundlichen Verkehrswende leisten. In Berlin wurden dafür am Dienstag 24 Straßenabschnitte abgesperrt. Doch trotz des protzigen Mottos war kaum ein merkbarer Unterschied im Verkehr zu spüren. 

Eine dieser Kurzzeit-Spielstraßen war die Waldemarstraße. Das Kopfsteinpflaster war für ein paar Stunden die Leinwand der neunjährigen Eli und ihres kleines Bruders. Die Kreide haben sie von den sogenannten „Kiezlots*innen“ bekommen, das sind Anwohner, die in neongelben Warnwesten dafür gesorgt haben, dass die Straße zwischen 14 und 18 Uhr für Autos tabu war. Elis Vater, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, sagt, die Besuche auf den Spielstraßen seien „bereits zum Familiensport geworden“. Denn seit Mai gestalten die engagierten Nachbarn diesen Teil der Straße jeden Sonntag zum Spielplatz und Treffpunkt um.

Samira Aghabeigi war an den meisten Sonntagen dabei: „Straßen können auch anders genutzt werden.“ Ihr geht es dabei vor allem um die Frage, „wie wir gemeinschaftlich leben wollen“, sagt die 22-Jährige. Dazu gehöre das, was die Spielstraßen ermöglichen: Sie bieten Raum, um miteinander ins Gespräch zu kommen. In der Straße sei „gleich ein anderes Flair“, sagt Aghabeigi.

Einige Autofahrer ärgern die Absperrungen allerdings. Den Mann zum Beispiel, der wild mit den Händen fuchtelt, weil er die Straße nun für seine Lieferung umfahren muss. „Oft fehlt das Verständnis“, sagt Paul Jäde. Auch er trägt eine neongelbe Weste und koordiniert die sonntägliche Sperrung der Waldemarstraße seit dem Frühjahr. Meist seien die ärgerlichen Autofahrer aber beruhigt, sobald sie die spielenden Kinder sehen. Ausnahmen machten die „Kiezlots*innen“ außerdem für alle parkenden Autos, die aus dem gesperrten Bereich hinauswollten, sowie für Personen mit eingeschränkter Mobilität und Anlieferungen, so Jäde.

Dass am Dienstag gleich in acht Bezirken rund drei Kilometer Straße zu Spielstraßen wurden, geht auf die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz zurück. Auch Senatorin Regine Günther (Grüne) findet, dass den Kleinsten im Großstadtdschungel mehr Platz eingeräumt werden sollte: Kinder „sollen sich direkt vor ihren Häusern und Wohnungen auf der Straße gefahrlos ausprobieren und spielen können“.

Die Berlinerinnen und Berliner sollten am Dienstag das Auto stehenlassen und lieber „zu Fuß, per Fahrrad oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln“ ihren Alltag bestreiten, hieß es vorab in einer Mitteilung des Senats. Zur Motivation galt deshalb ein Einzelfahrschein im öffentlichen Nahverkehr den ganzen Tag: egal ob Bus, Tram, U- oder S-Bahn. Die Tagesticket-Aktion läuft bereits seit Anfang September und gilt jeweils an den Wochenenden des gesamten Monats. Zum sogenannten Autofreien Tag hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) das Angebot erweitert. „Wir sehen, dass es gut angenommen wird“, sagt Sprecher Joachim Radünz mit Blick auf die vergangenen Wochenenden.

Die Verkehrsinformationszentrale stellte gegen Mittag allerdings keine „signifikanten“ Unterschiede im Berufsverkehr im Vergleich zu den Vorwochen fest, wie ein Sprecher bestätigte. Aufgrund der Straßensperrungen für die Spielstraßen müsse man vielmehr mit mehr Parkplatzsuchenden an den gesperrten Stellen rechnen.

Auch in den digitalen Netzwerken war die Resonanz unter dem Hashtag #autofreierTag gespalten. Die einen monierten, dass der Verzicht auf das Auto in Corona-Zeiten eine Fehlentscheidung sei.

Andere posteten Videos vom üblichen Stau auf den großen Straßen:

Ein günstiges Tagesticket und Spielstraßen befreien die Stadt noch nicht von Feinstaub und Stau. Ein wenig mehr Nachdruck kam von der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Sie hätte sich „anlässlich des autofreien Tags gewünscht, den fahrscheinlosen Tag in Berlin zu testen“, so der verkehrspolitische Sprecher Kristian Ronneburg. Vom Senat fordert Ronneburg, den bereits gestellten Antrag der rot-rot-grünen Koalition zum gratis ÖPNV am Autofreien Tag wenigstens im kommenden Jahr umzusetzen.