Nur noch selten auf der Bühne: Die UdK-Schauspieler Maximilian Diehle, Eva Gerngroß und Sofia Iordanskaya.
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Berlin„Drei Meter Abstand halten bei Dialogsituationen, Brüllen oder Singen erfordert sechs Meter, 1,5 Meter bei einfachem Vorbeigehen.“ Vor dem Theatersaal der Universität der Künste Berlin (UdK) erzählt Maximilian von einem Regie-Projekt einer Freundin, das strikten Hygiene-Regelungen unterworfen ist. Was absurd klingt, ist momentan Realität im Schauspielbetrieb der Stadt – die Ausbildung leidet besonders darunter.

Maximilian gehört zum dritten Schauspiel-Jahrgang der UdK und geht nun ins zweite Corona-Semester. Für ihn eine Katastrophe. Dabei hat es sich für ihn zu Beginn noch ganz anders angefühlt: „Die Entschleunigung hat mir gutgetan, ich war reif für eine Pause und brauchte Zeit zur Reflexion“, sagt er mit Blick auf den ersten Lockdown im April. Zwei Jahre Studium hatte er hinter sich, eine intensive Zeit für Schauspiel-Studierende, in der sie den Grundstein ihrer Ausbildung legen: Feilen an eigenen Rollen im szenischen Spiel, gruppenweise oder in Partnerarbeit, Tanzen und Sprecherziehung sorgen für ein straffes Programm. Die ersten Jahre waren „ein großes Geschenk“, doch sie zehrten auch an den Kräften, sagt er rückblickend.

Der April und Mai gingen ins Land. Mit dem Wissen, wie eigentlich ein Schauspiel-Studium ablaufen müsste, fing der 23-Jährige nach der kurzen Verschnaufpause schnell an zu hadern mit der neuen Unterrichtsform. Es folgt eine Phase, die Maximilian seinen „digitalen Overload“ nennt: „Ein Zoom-Meeting schafft Grenzen, die man zuvor zwei Jahre lang versucht hat zu öffnen.“ Den Raum nutzen, sich darstellen und veräußern: „Alles, was man sich an Handwerk für die Bühne angeeignet hat, kann man vor dem Computer-Bildschirm vergessen.“

Eva und Sofia kennen das Grundlagen-Studium im Normalbetrieb nur aus Erzählungen. Die beiden haben sich im März diesen Jahres unter knapp 1000 Mitbewerbern beim legendären Vorsprechen durchgesetzt, und wurden in den ersten Schauspiel-Jahrgang aufgenommen. Für Eva war es nach längerer Durststrecke die erhoffte Befreiung: „Ein Jahr Vorsprechen an verschiedenen Hochschulen, und dann klappt es endlich, auch noch an der UdK, auch noch mit tollen Leuten.“ Doch die Corona-Entwicklung im April warf lange Schatten auf den Erfolg. „Ich hatte plötzlich Angst, dass der erste Jahrgang abgesagt wird“, erzählt Eva, die sich zeitgleich auch überlegen musste, ob sie überhaupt nach Berlin ziehen soll.

Doch wie die anderen Hochschulen der Stadt, startete auch die UdK ins Online-Semester. Beim ersten Schauspiel-Unterricht wurde noch mit Sektgläsern gegen den Bildschirm angestoßen, erinnert sich Eva. Bei Kommilitonin Sofia war die Freude über das langersehnte Schauspiel-Studium schnell getrübt: „Da wir keine Literaturwissenschaftler sind, war uns klar, dass wir den Online-Unterricht nur begrenzt nutzen können.“ Irgendwann war sie genervt vom Abhängen in den eigenen vier Wänden: „Zwei Stunden vor dem Bildschirm hocken, danach drei Stunden Pause bevor es eine Stunde weitergeht.“ Anstatt dem intensiven Szenenspiel aus Erzählungen, standen nun viel Textarbeit, Haltungsübungen und Mienenspiel in Video-Konferenzen auf dem Programm.

Analoge Darstellungsformen wie Zwei-Personen- oder reine Monologstücke, die in einer späteren Phase des Studiums forciert wurden, und nach wie vor durch strenge Abstandsregeln reguliert sind, können für Sofia keine echte Alternative, sondern vielmehr nur ergänzend sein. Schauspiel selbst sei mit Interaktion verbunden: „Die Gefahr besteht, dass man aneinander vorbei monologisiert und das kein Spiel entsteht“, befürchtet Sofia. Eva pflichtet ihrer Kommilitonin bei: „Der Kontakt miteinander, der fehlt gerade einfach.“

Unter den Schauspiel-Studierenden sei breit diskutiert worden, ob ein Kreativsemester eine Lösung verspreche, erzählen die beiden. Das sogenannte Nullsemester wird gerade an der Kunsthochschule Leipzig erprobt und sei für viele in ihrem Schauspiel-Umfeld eine Überlegung wert. Die Hochschulleitung der UdK hat sich aber entschieden, den Hochschulbetrieb weiterlaufen lassen.

Maximilian lässt daher kein gutes Haar an seiner Uni. Natürlich gebe es jetzt Raum für kreative Lösungen, doch von der Hochschule komme für ihn zu wenig. „Man hat versucht, den Kanon digital zu übersetzen und einfach weiterzumachen.“ Der Lehrplan sei „abgefrühstückt“ worden, um den Unterricht zu gewährleisten, was nicht den Studierenden diene. „Mein Schaffensprozess wird jedenfalls nicht angeregt. Ich weiß im Moment nicht, was ich auf der Bühne erzählen will.“

Unterkriegen lassen wollen sich die drei aber nicht von ihrer aktuellen Situation. „Es macht doch keinen Sinn, nur das Schlechte zu sehen“, findet Sofia. Maximilian sieht sogar Potenzial in der Krise, „mal rauskommen aus der Blase, gucken was es sonst noch gibt.“ Seine miese Laune beim Thema Online-Unterricht weist er selbst in die Schranken: „Bockig sein bringt nichts, wir müssen ja nach vorne schauen.“