Berlin - Alle Blicke sind auf den gelben Stuhl gerichtet. Dort sitzt eine 59-jährige Frau im weißen Sari, die in Indien „Amma“(Mutter) genannt wird. Sie breitet ihre Arme aus und umarmt einen fremden Mann. Er weint, sie lächelt. Nach einer halben Minute wiederholt sich die Szene mit einer jungen Frau. Es sind an diesem Freitag Umarmungen im Minutentakt.

Tausende sind ins Velodrom gekommen, um sich von Amma, der Mutter der unsterblichen Glückseligkeit, spirituell segnen zu lassen. Zum ersten Mal ist sie in Berlin, 15 000 Besucher werden bis Sonntag erwartet.

„Ich bin so aufgeregt, sicherlich wird mich die Begegnung mit Amma zu Tränen rühren“, sagt Katrin Nau. Sie hat den Buchstaben „K“ auf ihrem Ticket stehen. Jeder der sich von Amma umarmen lassen will, muss in der Halle einen Buchstaben ziehen und geduldig warten. Die 33-Jährige schaut auf die Uhr: „Noch ungefähr eine Stunde.“ Die Berlinerin ist mit ihrer Schwester gekommen, um sich vor der Entbindung Ammas Segen zu holen. „Ich glaube, das ist einfach eine gute Sache.“

Amma, die „große Seele“

Amma wird in Indien als „Mahatma“ gesehen, als „große Seele“. Die humanitäre Aktivistin hat schon in der ganzen Welt Vorträge gehalten und Millionen Menschen umarmt. Mit ihrer Hilfsorganisation „Embracing the World“ unterstützt sie Waisenhäuser, Bildungsprojekte und Katastrophenhilfe. Vor zwei Jahren erhielt sie von der State University New York die Ehrendoktorwürde für ihr humanitäres Werk.

Niemand muss Eintritt zahlen bei Ammas Veranstaltungen. Spenden sind aber willkommen. Mata Amritanandamayi – so ihr bürgerlicher Name – möchte trösten, Kraft spenden und Menschen motivieren, sich als freiwillige Helfer zu engagieren. 1987 startete sie die erste Welttour. Seitdem reist sie einmal im Jahr umher, um ihre Botschaft einer besseren, mitfühlenden Welt durch eine körperliche Geste zu verbreiten. „Meine Umarmungen sollen den Geist der Selbstlosigkeit wieder erwecken“, sagt Amma. 30 Millionen Menschen hat sie nach eigenen Angaben schon gedrückt.

Anja Schröder wird in wenigen Stunden dazu zählen. Noch schneidet sie im Nebenzimmer Kartoffeln. Indische Gerichte stehen auf dem Speiseplan. Die Einnahmen fließen in karitative Projekte. Im Raum riecht es nach Kokosmilch und Chai-Tee. Die Hamburgerin hat in ihrem Yogakurs von der Veranstaltung erfahren und ist dafür nach Berlin gekommen. Sie fühle sich mit Amma „einfach verbunden“.

Umarmungen zehn Stunden ohne Unterbrechung

Amma wird verehrt wie ein Superstar. Um sie herum sitzen Wartende aller Altersklassen und meditieren. Im Hintergrund läuft indische Musik. Ein Mann aus Dänemark trägt ein T-Shirt mit einem Foto von Amma. Andere Gäste bringen Geschenke mit, lassen Fotos der Familie segnen oder überreichen Blumen.

„Amma besitzt sehr viele spirituelle Kräfte“, sagt Lillith Schwertle. Sie gehört zu der Hilfsorganisation „Embracing the World.“ Bis zu zehn Stunden am Stück umarmt Amma ununterbrochen. Zu jeder Berührung gibt es ein kleines Geschenk: Rosenblätter, Äpfel oder Bonbons. „Ihr Geist ist nicht so stark am Körper gebunden wie bei anderen Menschen“, antwortet Schwertle auf die Nachfrage, ob die 59-Jährige nicht erschöpft sei nach all den Stunden.

Kerstin Weinstock lächelt. Sie wurde schon von Amma umarmt. „Ihre Liebe ist wie Energie, so schön warm“, erklärt die Berlinerin. „Die Umarmung war sehr persönlich“. So persönlich wie eine Berührung, die gerade einmal 30 Sekunden lang war, eben sein kann.

„Amma umarmt Berlin“ – noch bis Sonntag im Velodrom, Paul-Heyse-Straße 26, von 10 bis zirka 15 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.