Nein, nein, mit Schusswaffen gegen Flüchtlinge vorgehen, das gehe gar nicht, sagt Georg Pazderski und hat auch gleich auswendig die Paragrafen des Gesetzes über die Anwendung des Unmittelbaren Zwangs parat: Schießen an der Grenze sei Uniformierten nur bei Gefährdung des eigenen Lebens oder des Lebens Dritter erlaubt, keinesfalls auf Kinder.

Pazderski kennt sich aus mit dem Schießen. Als Sohn einer polnisch-deutschen Familie („Ich habe einen Migrationshintergrund!“) brachte er es in der Bundeswehr zum Oberst im Generalstab, war in Bosnien-Herzegowina im Einsatz und beriet in Florida die US-Streitkräfte. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, Beatrix von Storch, die jetzt mit der Waffe in der Hand Anti-Flüchtlingspolitik machen will, Argumente in die Hand zu geben.

Abwehr gegen außen

Pazderski bildet mit ihr gemeinsam die Doppelspitze des Berliner AfD-Landesverbands. Nicht von Storch, die ihre Zeit bevorzugt im EU-Parlament verbringt, sondern Pazderski strebt in Berlin die AfD-Spitzenkandidatur an. Sie spendiert dazu ihre Medienprominenz. 2012 verließ der Oberst mit 61 Jahren die Bundeswehr und widmet sich der Abwehr dessen, was von außen ins deutsche Land kommt: erst der Euro, jetzt die Zuwanderer. Diese Politik findet auch in Berlin Zulauf. Sympathisanten und Mitglieder kommen aus Richtung SPD und CDU, die die AfD unter „Kartellparteien“ subsumiert. Zur angeblichen Alternative dazu kommen die Enttäuschten, die Nichtwähler und all jene, die glauben, die Flüchtlinge nähmen ihnen etwas weg: Arbeit, Geld, Hartz IV.

Im April wird in der in Berlin rund 900 Mitglieder umfassenden Partei über die Kandidatenliste abgestimmt, im März über das Programm. Die AfD läuft sich warm fürs Abgeordnetenhaus, wo sie arithmetisch einem neuerlichen Bündnis zwischen SPD und der geschwächten CDU im Weg stehen könnte. Die Stimmung ist gut bei den Rechtspopulisten, denn nach der jüngsten Forsa-Umfrage der Berliner Zeitung können sie am 18. September mit sieben Prozent der Wählerstimmen rechnen.

Und da 2016 weitere rund 80.000 Zuwanderer in Berlin erwartet werden und der Senat nicht mal die Integration der bereits hier Anwesenden in den Griff bekommt, muss die AfD nicht damit rechnen, dass ihr bei ihrem Hauptthema Zuwanderungsabwehr der Stoff ausgeht. Auf die Frage, was Berlin als Bundesland konkret tun könne, um die Zahl der täglich in Schönefeld ankommenden Hunderten Flüchtlinge zu reduzieren, hat der Vorsitzende eine einfache Lösung: „Zurückschicken“! Verbindlicher Verteilschlüssel der Länder hin oder her: „Berlin muss der Kanzlerin deutlich machen, dass wir als Stadt überfordert sind und nicht noch weitere Migranten, von denen viele nur aus wirtschaftlichen Gründen kommen, verkraften können.“

Landespolitisch nur wenig konkrete Antworten

Natürlich müssten diejenigen ohne Asylgrund vermehrt abgeschoben werden, was auch Innensenator Frank Henkel (CDU) will – aus rechtlichen und anderen Gründen aber kaum schafft. Daran sei auch die „Anwaltsindustrie“ schuld, weiß der AfD-Chef, die finde immer neue Abschiebungshindernisse in den Asylgesetzen. Deutschland müsse sich an Ländern wie Australien oder England orientieren, „die lassen nur Leute ins Land, die sie brauchen können“.

Pazderski kommt oft auf die Bundes- und EU-Politik zu sprechen, sichtlich auch deshalb, weil die AfD für wichtige landespolitische Themen wie Wirtschaft oder Wohnen keine konkreten Antworten zu bieten hat. Innere Sicherheit soll ein Schwerpunkt sein, man brauche viel mehr Polizisten, sagt er.

Wer die bezahlen soll? „Wenn Hunderte Millionen für Hotels für Flüchtlinge da sind, muss es auch Geld für die Sicherheit der Bürger geben“. Auch für mehr neuen, sozialen Wohnungsbau in Berlin – das allerdings noch auf 20 Milliarden Euro Altschulden aus dem sozialen Wohnungsbau der 80er-Jahre sitzt. Dazu sagt Pazderski, das müsse man sich noch mal genauer anschauen.

Der Spitzenkandidat in spe ist im Gespräch freundlich und entspannt. Auch der rechte Rand hat heutzutage Benimm. Oberst a.D. Pazderski verkörpert von Werdegang und Habitus in der AfD-Führung das, was einer seiner Stellvertreter im Landesvorstand, Hans Joachim Berg, als „bestes Bürgertum“ bezeichnet. Auch in den Bezirksverbänden präsentiert sich die AfD bürgerlich-seriös: Anwälte, Ingenieure, Kaufleute. Berg arbeitete jahrzehntelang in einer Führungsposition in der Verwaltung des Deutschen Bundestages.

„Eine große Bandbreite“

Das derzeitige Berliner AfD-Personal hat auf den ersten Blick nichts mit den ausländerfeindlichen Dumpfbeuteln der „Republikaner“ zu tun, die unter Führung eines mäßig befähigten Polizisten 1989 ins Abgeordnetenhaus einzogen, sich dort aber mangels Fleiß und Intelligenz weitgehend selbst zerlegten.

Die AfD sei eine Partei, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehe, sagt Pazderski. Da steht sie Seite an Seite mit Vertretern des völkischen Gedankens wie dem Thüringer AfDler Björn Höcke. Von dessen „pseudowissenschaftlichem Geschwurbel“ über ausbreitungs-freudige Afrikaner habe man sich distanziert. Nicht so ganz.

Die AfD habe eben „eine große Bandbreite“, weicht der Berliner Landeschef aus. Das wird bei den anvisierten Wählern ganz richtig verstanden, auch von offenkundigen Rassisten wie Roland P., der mit Klarnamen Flüchtlinge im Internet als „Primaten“ bezeichnet. Auf der Facebook-Seite der Berliner AfD fühlt er sich damit verstanden und willkommen.