Berlin kann immer wieder für Überraschungen sorgen. 
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BerlinJeder hat es schon erlebt und dennoch staune ich jedes Mal. Einfach, weil es passiert. Beglückt nach einem innigen Gespräch mit einer Freundin laufe ich durch den Fußgängertunnel, der den Bahnsteig der U6 am Halleschen Tor mit dem Rest des Bahnhofs verbindet. Bäume vor blassgrünem Hintergrund zieren die Wände. Auf einem Schild lese ich, dass hier ein „offizieller Ort zum Musizieren“ sei und frage mich, ob ich das gut finde, weil die Musik damit einen Platz im öffentlichen Raum bekommt.

Oder schlecht, denn: Ist nicht gerade das schöne an Straßenmusik, dass sie einen überall überraschen kann? Mit der Freundin unterhielt ich mich über Väter und erwähnte im Gespräch eine neue Bekanntschaft. Mit der ich wenige Tage vorher E-Mails gewechselt hatte. Auch in diesen Mails ging es um Väter.

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Während ich den Waldgang entlanggehe, freue ich mich nicht nur über die gerade erlebten Stunden, sondern auch auf die baldige Verabredung mit der Frau, die ich kaum kenne. Da laufen wir aneinander vorbei. Wir drehen uns um. Machen das ungläubige „Die Welt ist ein Dorf“-Gesicht“, lachen und umarmen uns kurz. Sie muss schnell weiter. Ich steige hinab zum Bahnsteig, einem der schauerlichsten der ganzen Stadt.

Ein Kompliment im U-Bahnhof 

Da hilft auch der Zauber dieser Begegnung nicht, die in einer Fast-vier-Millionen-Metropole eigentlich nicht hätte stattfinden dürfen. So viel hab ich damals in Mathe verstanden. Doch die Wirklichkeit schert sich nicht um Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie schickt lieber einen Musiker. Der packt auf einer Bank seine Gitarre aus und beginnt zu spielen. Eine zärtliche Melodie, die es schafft, die Hässlichkeit dieses Stückes Untergrund in so etwas wie Melancholie zu verwandeln. Ich bin froh, dass er hier spielt und nicht am „offiziellen Ort zum Musizieren“.

Er spielt einfach so, für sich, für uns. Eine Bahn fährt ein und zum ersten Mal an diesem Ort denke ich: „Oh nein noch nicht!“ Da sehe ich, dass alle Wagen dunkel sind. „Bitte nicht einsteigen“, informiert die Anzeige. Wie gut. Ich schließe die Augen. Will dem Mann sagen, wie sehr mir sein Spiel gefällt und bin zu schüchtern. Am Bahnhof Friedrichstraße tritt mir ein Mann in den Weg. „Entschuldigen Sie, sprechen Sie Deutsch?“ Ich nicke, unschlüssig, was ich von seinem forschen Auftreten halten soll. „Sie sehen toll aus. Das sollten Sie wissen.“

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Ich stottere ein Danke und denke an den Gitarristen. Nehme mir vor, dass ich beim nächsten Mal was sage, wenn mir etwas sehr gefällt, ob Mensch oder Musik. Die Gelegenheit schickt mir Berlin am selben Tag. Da plaudere ich in der Weinhandlung mit der Inhaberin und einem Lieferanten. Immerzu muss ich seine hellgrünen Socken anschauen.

Als ich mir einen Ruck gebe und ihm sage, wie super ich die Farbe finde, erzählt er mir, er trage immer Bunte. Von nun an dreht sich das Gespräch um Farben und Socken und am Ende gehen wir recht heiter auseinander. Der kam genau richtig. Wie so vieles heute. Stadt, du Magierin.