Das Freiluftkino Friedrichshain hat Sitzbänke ausgebaut und  Abstandsmarkierungen angebracht.
Foto:  dpa/Jens Kalaene

BerlinBerlin lockert sich. Kneipen dürfen laut neuester Corona-Verordnung des Senats am Dienstag öffnen, Fitnessstudios, Freiluftkinos ebenso. Natürlich unter Einhaltung eines Hygienekonzeptes. Nur die Sporthallen bleiben anders als angekündigt mindestens noch eine Woche lang geschlossen. Die Zeit reicht nicht aus, sie für den Sportbetrieb vorzubereiten. Damit zeigt sich einmal mehr, dass die einsamen Entscheidungen des Senats nicht selten an der Wirklichkeit scheitern.

„Diese Verordnung kommt zu kurzfristig. Wir haben nichts davon gewusst“, sagt Oliver Schworck (SPD), Sportstadtrat von Tempelhof-Schöneberg und damit zuständig für mehr als 60 Sporthallen. Zusammen mit den Kollegen der anderen Bezirke hat Schworck eine Mitteilung verfasst, in der es heißt, man habe sich „darauf geeinigt, dass die Sporthallen frühestens ab dem 8. Juni wieder geöffnet werden können“. Früher sei es nicht möglich.

Als Gründe für die Verzögerung führen die Kommunalpolitiker an, dass vor allem die Reinigung der Hallen nach wochenlanger Schließung nicht geklärt sei. Außerdem fehlten Hygienepläne der Vereine für die Hallennutzung sowie ein nachvollziehbares Konzept für den Sportunterricht der Schulen. Wie es in dem Schreiben weiter heißt, sei eine Nutzung ohnehin nur unter Einschränkungen möglich - insbesondere die Begrenzung auf maximal zwölf Sportler sowie ein Verbot des Trainings von Spielsituationen insbesondere bei Kontakt- und Mannschaftssportarten sei wichtig.

Ohne Reinigung aber gehe überhaupt nichts, so Stadtrat Schworck. Das Problem sei, dass derzeit viel zeitliche Kapazität, aber auch Geld für die Reinigung von Schulen aufgebracht würde. „Das bedeutet, dass derzeit keine Hallenreinigung möglich ist“, sagt Schworck der Berliner Zeitung. Auch die Finanzierung sei noch unklar. Noch diese Woche wollen alle Sportstadträte eine Hochrechnung über den Bedarf aufstellen und dem Senat zukommen lassen.

Nach Schworcks Worten ist auch der 8. Juni für eine flächendeckende Hallenöffnung illusorisch. Und selbst sein Szenario für die Wochen danach ist eher düster. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Schulsporthallen noch vor den Sommerferien öffnen können, ist sehr gering.“ Die großen Ferien beginnen bereits in drei Wochen. „Aber vielleicht können wir dieses Jahr mit den Vereinen Ferienangebote in unseren Hallen organisieren.“

Einer von etlichen Sportvereinen in Schworcks Bezirk ist der Friedenauer TSC. Während dort die Fußballer und selbst die Hallenhandballer nach einem Hygienekonzept schon – wenn auch improvisiert - Sport im Freien treiben, bleibt die größte Abteilung des Vereins in Wartestellung: die Turnabteilung. „Vor allem das Kinderturnen leidet. Da haben wir rund 450 Kinder und Jugendliche, die sehnsüchtig auf die Öffnung der Hallen warten“, sagt der Vereinsvorsitzende Christian Wille. Der Verein warte jetzt auf eine Meldung des Bezirksamtes.

Auf solche Vorgaben müssen die Fitnessstudios nicht warten. Die Buchungsplattform Urban Sportsclub, über die man die Angebote vieler Studios nutzen kann, „aktiviert“ jetzt alle Berliner Partner – und das sind nach eigenen Angaben derzeit 1373. Sie wisse nicht, wie viele Studios am Dienstag tatsächlich an den Start gehen werden, sagt eine Sprecherin vom Urban Sportsclub. Nach Wochen des improvisierten Trainings oft in Parks dürften aber alle Betreiber hart daran arbeiten, ihren zahlenden Kunden wieder das volle Programm bieten zu können. Die Einschränkungen sind freilich erheblich: So muss ein Mindestabstand von drei Metern zwischen den schwitzenden Sportlern gewährleistet sein.

In einigen Berliner Freiluftkinos ist bereits in den vergangenen Wochen engagiert an einer Wiedereröffnung gearbeitet worden. Am Dienstag ist es soweit:  Das Freiluftkino Friedrichshain startet mit der französischen Sozialkomödie „Der Glanz der Unsichtbaren“ in die Saison – als erste von rund einem Dutzend Freiluftspielstätten in der Stadt. Am Mittwoch folgt das Freiluftkino Kreuzberg im Innenhof des Bethanien (Startfilm ist Bernhard Wickis Klassiker „Die Brücke“), am Donnerstag kehrt das Freiluftkino Rehberge mit dem südkoreanischen Oscar-Gewinner „Parasite“ aus der Coronapause zurück. Andere Berliner Open-Air-Kinos werden folgen.

Die Pandemie-Bedingungen sind auch für Freiluftkinos streng. So bietet die gut gepflegte Anlage im Volkspark Friedrichshain in normalen Zeiten rund 1700 Gästen Platz. Laut Senatsverordnung dürfen derzeit nur 200 Zuschauer kommen, ab 15. Juni können es dann 500 sein, ab Anfang Juli bis zu 1000. Bis dahin werden etliche Sitzreihen komplett gesperrt, am Kiosk und an den Toiletten gibt es „Einbahnstraßenregelungen“, damit sich die Menschen möglichst nicht zu nahekommen. Tickets gibt es nur online.

„Wir haben schon Mitte April mit den Vorbereitungen begonnen“, sagt Betreiber Arne Höhne. „Wir haben ein Konzept erarbeitet und dem Gesundheitsamt geschickt, von dort gab es das Okay.“ Bei allem Unverständnis darüber, warum etwa Biergärten weniger strengen Regularien unterliegen, „überwiegt doch die Freude“, sagt Höhne.

Übrigens: Die Dienstagvorstellung in Friedrichshain ist längst ausverkauft. „Kein Wunder“, sagt Höhne, „wir sind die ersten. Das bedeutet: Das sind 200 Kinokarten in einer Stadt mit 3,7 Millionen Einwohnern.“