Bushido zum Prozessauftakt am Montag.
dpa/Paul Zinken

BerlinDer Saal 500 im Berliner Landgericht ist coronagerecht bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Groß ist das Interesse an der gescheiterten Geschäftsbeziehung zwischen einem von der Staatsanwaltschaft als „Sprachgesangskünstler“ bezeichneten Rapper und einem gelernten KfZ-Mechaniker, der offiziell sein Einkommen als Vermieter und Verpächter von Immobilien erzielt. Bis voraussichtlich Ende November will sich die 38. Strafkammer unter dem Vorsitz von Martin Mrosk mit den Straftaten beschäftigen, die Clanchef Arafat Abou Chaker mithilfe seiner drei Brüder begangen haben soll, nachdem ihm Bushido im Spätsommer 2017 eröffnet hatte, er wolle sich geschäftlich von ihm trennen.

Der Rapper erscheint am ersten Verhandlungstag unter Polizeischutz: Zwei Beamte sitzen im und drei weitere vor dem Saal. Er trägt ein weißes T-Shirt, dunkel sind die T-Shirts der vier Angeklagten.

Vor dem Verlesen der Anklage werden zunächst die Personalien der Angeklagten erörtert: Während der 49-jährige Nasser Abou Chaker noch in Weivel geboren wurde und als staatenloser Libanese gilt, haben die übrigen Angeklagten die deutsche Staatsangehörigkeit. Überrascht ist der Vorsitzende Richter über die fünf Kinder, zu deren Vaterschaft sich der 44-jährige Arafat Abou Chaker bekannte. Als sein älterer Bruder Nasser ihn um ein weiteres Kind überbietet, staunt Martin Mrosk nicht mehr.

14 Jahre lang hatten der Clan-Chef und der 41-jährige Rapper privat und geschäftlich gemeinsame Sache gemacht, hatten unter anderem die gemeinsame Immobilien-GbR Bergmanns Glück betrieben, ihre Häuser am Zehlendorfer Damm in Kleinmachnow grenzten aneinander. Nun wollte Bushido einen Schlussstrich darunter ziehen. Aus der Anklage lässt sich folgern, dass der Rapper zuvor Kontakt zu einem anderen Clan aufgenommen hatte. Bushido muss klar gewesen sein, dass die Trennung nicht kostenlos sein würde. Die Forderungen, die schlussendlich gestellt worden seien, bezeichnet Oberstaatsanwältin Petra Leister in ihrer Anklage als „nicht rechtlich durchsetzbar“.

Noch im September 2017 behauptete der Clan-Chef laut der Staatsanwältin, Bushido hätte bei ihm Schulden und begehrte deshalb von ihm eine Immobilie in Lichterfelde im Wert von 1,8 Millionen Euro. Am 1. Weihnachtsfeiertag 2017 erschien Bushido in der Puderstraße in Treptow, dort wo das gemeinsame Plattenlabel bushidoersguterjunge seinen Sitz hatte. Zu dem Treffen brachte der Rapper ein Schriftstück mit, in dem sein Anwalt verschiedene Trennungsvarianten skizziert hatte.

Im Büro empfing ihn der Clan-Chef und dessen Bruder Nasser. Arafat Abou Chaker habe die Tür abgeschlossen und soll den Rapper in feinster Gossen-Lyrik beschimpft haben: „Hüte deine Zunge, du Stück Scheiße, bevor ich sie dir abschneide.“ Bushidos Anwaltspapier habe er zerknüllt und ihn verbal bedroht, bevor er seinen einstigen Partner wieder gehen ließ.

Drei Wochen später soll Bushido sich zur gleichen Stelle begeben haben. Diesmal stieß er auf drei Brüder: Nasser und Yasser Abou Chaker sollen sich jeweils neben Arafat Abou Chaker gesetzt haben. Hinter abgeschlossenen Türen hätten sie dem Abtrünnigen eröffnet: „Du wirst hier erst wieder lebend rauskommen, wenn du uns die Wahrheit gesagt hast!“ Sie hätten ihn beschimpft und einen Betrag von zwei bis drei Millionen Euro von dem Rapper gefordert. Dies begründeten sie mit Bushidos Einkommen, der an einem Album zwei Millionen Euro verdiene, an seinem übrigen Repertoire jährlich 800.000 Euro und durch YouTube, Konzerte und Fan-Artikel nochmals Hunderttausende Euro.

Die Brüder warfen Bushido den Kontakt zu einem schwer kriminellen Freund eines anderen Clans vor. Sie bezeichneten ihn als „Verräter“ und verlangten, dass er diesen nicht mehr treffen dürfe. Yasser Abou Chaker verletzte den Abtrünnigen mit einer halbgefüllten Wasserflasche am Auge. Dann bestellte der Clan-Chef den Mittelsmann des anderen Clans und erklärte ihm: „Du musst nicht glauben, dass du mit meinem Hund Gassi gehen kannst!“ Im Verlauf der Auseinandersetzung verletzte er Bushido noch mit einem Stuhl an der Schulter. Nach viereinhalb Stunden durfte der Rapper endlich gehen. Er soll nach Kenia und Thailand geflogen sein und keinen Kontakt mehr zu dem Mittelsmann des anderen Clans gehabt haben.

Am 21. März 2018 war Bushido offensichtlich bereit, etwa 2,4 bis 2,5 Millionen Ablöse zu zahlen und den Clan-Chef noch drei Jahre an seinen Erlösen zu beteiligen. Doch nachdem Arafat Abou Chaker die Forderungen auf sieben Millionen erhöht hatte, zog sich der Rapper zurück. In der Anklage heißt es, dass er sich aufgrund der von den Brüdern erfahrenen Behandlung ab Anfang 2018 in psychologische Behandlung begeben musste.

Am 29. März 2018, eine Woche nach dem letzten Gespräch mit Bushido, ließ der Clan-Chef durch seinen Bruder Rommel 180.000 Euro abheben. Es stammte von einem Konto der Bergmannsglück GbR, die der Rapper gemeinsam mit dem Clan-Chef betrieb. Mit diesem Vorgehen habe sich der Clan-Chef unberechtigt bereichert, trägt die Staatsanwältin vor.

Bushido, der sich zum Auftakt des Prozesses immer wieder mal Notizen machte, soll erst in den nächsten Verhandlungstagen als Zeuge gehört werden. Am kommenden Mittwoch will sich das Gericht erst einmal mit einem gegen den Rapper laufenden Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche beschäftigen. Die Verteidiger der Abou-Chaker-Brüder verlangen sämtliche Vernehmungsprotokolle zu lesen – in der Hoffnung, daraus nützliche Informationen für ihre Mandanten zu beziehen.