Es gibt nicht allzu viele Leute, die freiwillig Sorbisch lernen – nicht mal in den Siedlungsgebieten der Sorben und Wenden selbst, der einzigen anerkannten nationalen Minderheit im Osten Deutschlands. Sie leben vor allem in der brandenburgischen und sächsischen Lausitz, und dort sieht man allerorten zweisprachige Straßenschilder in Deutsch und Sorbisch. So gibt es zum Beispiel das Ortsschild „Universitätsstadt Cottbus – Uniwersitne Mêso Chósebuz“. Doch im Alltag wird die Sprache nur noch von recht wenigen gepflegt.

Nun aber gibt es Briten, die Sorbisch sprechen. Jedenfalls zwei. Es sind renommierte Sprachwissenschaftler aus Manchester, die nun sagen, sie hätten die alte westslawische Sprache innerhalb nur einer Woche gelernt. Auf ihre Zuckerdose klebten Matthew und Michael Youlden einen Zettel mit dem Wort „cokor“, auf der Kaffeekanne steht „kofej“. Und auch das Sandmännchen haben sie gesehen – natürlich auf Sorbisch.

Für die Sendung „Stern TV“ hatten sie bereits innerhalb einer Woche Türkisch gelernt. Die Herausforderung einer ZDF-Wissenschaftssendung, Plattdeutsch und Maltesisch innerhalb von sieben Tagen zu sprechen, nahmen Matthew und Michael Youlden ebenfalls an. Die britischen Zwillingsbrüder beherrschen mehr als zehn Sprachen fließend. Seltene Sprachen wie Kornish oder Papiamentu schüchtern sie nicht ein. Jetzt ist noch Sorbisch dazu gekommen. Seit dieser Woche sagen die Wahl-Berliner: Wir sprechen Sorbisch.

Die Aufgabe, die Sprache zu lernen, haben Matthew und Michael Youlden vom Digitalsender „Deutschlandfunk Nova“ bekommen. „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt“, sagt Matthew Youlden. Umso überraschter waren die Sprachwissenschaftler bei ihrer Hausaufgabe. Ihr Blick ging erstmal auf eine Deutschlandkarte. Dabei sahen sie, dass die Sorben fast vor ihrer Berliner Haustür leben, nur 90 Minuten Zugfahrt sind es bis in die Lausitz.

Inzwischen leben die Multisprachler in Berlin

Ihre Sprachleidenschaft begleitet die britischen Zwillinge – selbst nennen sie sich „Polyglotbros“ – seit ihrer Kindheit. Zu Hause in Manchester wuchsen sie mit Englisch und Gälisch auf. Wenn die Familie in den Urlaub verreiste, paukten die Söhne vorher Vokabeln. „Schließlich bietet jede neue Sprache die Möglichkeit, eine neue Kultur kennenzulernen und eine neue Sichtweise auf die Welt“, sagt Michael Youlden.

Er studierte Sprachwissenschaft in England, sein Bruder kam 2003 für sein Studium nach Deutschland. Inzwischen leben die Multisprachler in Berlin. Sie sagen über sich: „Alles, was wir machen, dreht sich um die Sprache.“ Um den richtigen Dreh für das Obersorbische zu finden, verwandelten sie ihre Wohnung in Klein-Oberlausitz.

„Wir sind große Freunde der Klebezettel. Viele Begriffe haben wir aufgeschrieben und an den dazugehörigen Platz geheftet“, sagt Matthew Youlden. Die Milchtüte bekam den Zettel „mloko“ und der Tisch die Aufschrift „blido“. Zu einer festen Uhrzeit jeden Tag lernten sie Grammatik und analysierten Zeitformen. Ihr Lehrmaterial holten sie sich aus Bibliotheken: Kinderbücher, Zeitschriften, Arbeitsbücher und Romane auf Sorbisch.

Beim Sprachenlernen nutzen die Brüder auch gern Originalsendungen in Rundfunk und Fernsehen. „So kann man viel passiv und fast nebenbei aufnehmen“, sagt Matthew Youlden. Allerdings sei das Angebot auf Obersorbisch sehr klein. Neben dem täglichen Radio-Frühprogramm im MDR gibt es lediglich einmal im Monat eine halbstündige Fernsehsendung sowie zuweilen das Sandmännchen. „Schön für das Lernen wäre es zum Beispiel gewesen, wenn es die Lindenstraße oder eine andere Soap auf Sorbisch gebe.“

Beim Lernen aus der Ferne soll es nicht bleiben

Auch ohne die Hilfe der Endlosserien sind Matthew und Michael Youlden jeden Tag tiefer in die Sprache eingetaucht. „Besonders beeindruckt hat uns jedoch die Begeisterung der Sorben während unserer Mission. Da gibt es Menschen, die sich jeden Tag für den Erhalt der Minderheitensprache einsetzen. Wunderbar“, sagt Matthew Youlden. Dabei sei für ihn Minderheit immer eine Frage der Perspektive. Im Vergleich beispielsweise zu Mandarin würden nur wenige Menschen auf der Welt Deutsch sprechen.

Ober- und Niedersorbisch stehen längst auf der Liste der bedrohten Sprachen. Nach offiziellen Schätzungen bilden 60.000 Menschen das sorbische Volk in der sächsischen Oberlausitz und der brandenburgischen Niederlausitz.

Jan Budar, Direktor der Stiftung für das sorbische Volk, hat den beiden „Polyglotbros“ am vergangenen Sonntag über eine Liveschaltung die Sorbisch-Prüfung abgenommen. „Ihre Offenheit und Selbstverständlichkeit mit der sorbischen Sprache umzugehen, hat viele Sorben beeindruckt“, sagt er. „Für uns als Minderheit war es, sowohl für uns selbst, aber auch nach außen, eine super Marketingaktion.“

Doch wie steht es nun mit den Sprachkenntnissen? „Grandios“, sagt Jan Budar. „Sie haben ein breites Vokabular, Small Talk ist kein Problem. Selbst im grammatischen System sind sie sattelfest. Besonders fasziniert hat mich, wie originalgetreu sie gesprochen haben.“

Beim Lernen aus der Ferne soll es nicht bleiben. Matthew und Michael Youlden sind am 25. November zur Schadowanka, dem jährlichen Treffen sorbischer Studenten, eingeladen. „Unser Interesse ist geweckt. Wenn wir es schaffen, kommen wir vorbei“, sagen die Zwillinge. (dpa)