Spree: Stehpaddeln ist Berlins neuer Trendsport

Jetzt solltet ihr unbedingt mal nach oben schauen“, ruft Severine Scala, während sie mit einer Gruppe von Stehpaddlern zwischen einem Beinpaar des Molecule Man hindurch gleitet. Es ist in der Tat ein erhebender Moment, wenn man sich auf einer Art Surfbrett über jene Stelle auf der Spree bewegt, an der Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow aufeinandertreffen, während über einem die Aluminium-Skulptur in der Sonne glänzt. Allerdings sollte man aufpassen, nicht mit der Finne des Bretts am Fundament der Skulptur hängenzubleiben. Doch auch in solchen Momenten weiß Severine Scala Rat: Auf die Knie gehen, ein Stück rückwärts paddeln, vorsichtig wieder aufstehen – und weiter geht’s.

Im Breitensport angelangt

Wer eine Stunde Stehpaddeln am Badeschiff bucht, wird unter anderem mit spektakulären Blicken auf die Oberbaumbrücke und Mediaspree belohnt. Den StandUpClub Berlin findet man auf dem Areal rechts vom Strand des Badeschiffs, der Zugang ist über den Eingang der Bar. Spätestens beim Anblick des Strandkorbs und der Paddelboards überkommt einen ein Urlaubsgefühl. Managerin Severine Scala, ihr Geschäftspartner und das Team verleihen hier 18 Bretter, geben Anfängerkurse , geführte Touren, als auch Fitness- und Yogakurse auf dem Wasser.

„Stand Up Paddling ist mittlerweile im Breitensport angekommen“, sagt Scala. Seinen Ursprung hat der mit dem Kürzel „SUP“ abgekürzte Trendsport auf den polynesischen Inseln, wo die Fischer auf den Brettern innerhalb kurzer Zeit ihren Fang an Land brachten. Später behielten die Surflehrer auf Hawaii so ihre Schüler im Blick. Aus der Surferszene in den USA schwappte der Trend schließlich nach Europa. Leute wie die Windsurfing-Legende Robby Naish produzieren mittlerweile selbst Stehpaddelbretter. Auch das SUP-Surfen, bei dem man mit dem Paddel auf den Wellen reitet, kommt aus Hawaii und Kalifornien. „Das Tolle daran ist, dass man nicht mehr aufstehen muss, wenn eine Welle kommt“, sagt Scala.

Eigentlich ist SUP relativ simpel zu erlernen, wie Scala bei der Einweisung an Land zeigt: Gerade stehen, das Stechpaddel mit ausgestrecktem Arm eng am Bord durchziehen, nach zwei bis drei Schlägen auf die andere Seite wechseln. Macht man es richtig, spritzt es später kaum, wenn man das Paddel ins Wasser eintaucht, und mit etwas Rückenwind ist man richtig flott unterwegs. Wichtig: Entspannen, damit das Zittern in den Knien nachlässt. Denn verkrampft auf dem wackeligen Brett zu stehen, ist ebenso nervtötend wie kräftezehrend. Scala kennt das: „Am Anfang muss man sich etwas überwinden, aber so viele Leute kommen mit einem Lächeln zurück und sind richtig angefixt.“

So, wie die Familie, die gerade von einem Ausflug zurückkehrt und schon zum vierten Mal hier ist. Nur wenige Meter vor dem Steg plumpst die etwa vierjährige Tochter ins Wasser. „Beim Paddeln bin ich kein einziges Mal reingefallen“, lacht sie, während sie ihr Vater auf den Steg hievt. Wobei das an einem heißen Sommertag wie diesem eine willkommene Abkühlung sein dürfte. „Das Spree-Wasser ist relativ sauber“, versichert Scala. Für Kinder sei das Stehpaddeln ein riesiger Spaß: Sie seien viel unbekümmerter als Erwachsene und legten einfach los. Damit nichts passiert, bekommen sie Schwimmwesten und dürfen nur mit Begleitung Erziehungsberechtigter ins Wasser.

Die 3,10 bis 3,70 Meter langen und rund 80 Zentimeter breiten Bretter sind etwas größer als Surfbretter und aufblasbar. Anfänger bekommen die etwas runderen Allround-Boards, für Fortgeschrittene gibt es die spitzer zulaufenden Touren- oder Racingboards, die sich auch für längere Strecken eignen. Zum Beispiel für die 90-minütige Osthafen-Tour, ein Klassiker im Angebot des Verleihs, der zu KajakToursBerlin gehört. Stand Up Paddling auf den Gewässern der Stadt ist relativ neu, an den Seen in der Umgebung wird es schon eine ganze Weile angeboten. Der StandUpClub Berlin ist der einzige Verleih direkt in der Stadt, der geführte Touren entlang von Sehenswürdigkeiten organisiert. „Die Nachfrage war so groß, dass wir noch eine Tour in die Rummelsburger Bucht ins Programm genommen haben“, sagt Scala. Zwölf weitere Bretter hat der StandUpClub am Landwehrkanal postiert, wo sich die Stehpaddler freitagabends zum „SUP Friday“ treffen. „Zum Afterwork-Paddeln in den Sonnenuntergang, um den Kopf frei zu kriegen“, erklärt Scala. Das Publikum sei bunt gemischt: Berliner, die das Stehpaddeln als Hobby betreiben, internationale Studenten, Junggesellenabschiede. Manche bringen sogar ihren Hund mit.

Sportlich gesehen ist SUP anspruchsvoller als beispielsweise Kajakfahren: „Man hat einen besseren Trainingseffekt, weil man auch die Beine benutzt. Es ist praktisch ein Ganzkörpertraining.“ Severine Scala mag außerdem, dass man anders als im Kajak von oben aufs Wasser schaut: „Man steht wie auf einer kleinen Insel, sieht ins Wasser hinein und die Lichtreflexionen auf der Oberfläche – und das mitten in der Stadt“, schwärmt sie.