Es ist ein verwunschener Ort. Stillgelegte Karussells, überwuchert und verrostet, dämmern in dichtem Grün vor sich hin. Über den rostigen Gleisen einer Schmalspurbahn erhebt sich ein Riesenrad, das sich seit neun Jahren nicht mehr dreht. Fotos vom Spreepark im Plänterwald haben es auf einschlägige Internetseiten geschafft – Rotten Places, verrottete Orte, oder Abandoned Berlin, verlassenes Berlin. Doch der Dornröschenschlaf, in dem das 23 Hektar große Gelände seit Jahren liegt, wird nicht mehr lange dauern.

Am 25. Mai stellen Regine Günther, Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, sowie Christoph Schmidt von Grün Berlin ihr Konzept „Neustart Spreepark“ vor. Alte Streitthemen dürften nun wieder aktuell werden. Zum Beispiel: Wie werden die Besucher zu dem Gelände gelangen?

„Der neue Spreepark wird mit zahlreichen spannenden Angeboten ein attraktives Ziel für alle werden“, verspricht die parteilose, von den Grünen nominierte Senatorin. „Ob Berlinerinnen und Berliner oder Gäste aus aller Welt – wer neugierig auf Natur, Kunst und Kultur an einem besonderen Platz ist, der ist im Spreepark genau richtig. Wir zeigen nun die Entwicklungsmöglichkeiten für die weitere Gestaltung dieses geschichtsträchtigen Ortes.“

Nach 1989 wurde es leer im „Kulti“

In der Tat: Für viele Menschen in dieser Stadt gehört der Spreepark, der im Oktober 1969 kurz vor dem 20. Jahrestag der DDR-Gründung als „Kulturpark“ eröffnet wurde, zu ihrer Lebensgeschichte. Mit der Achterbahn, dem Pressluftflieger „Kosmodrom“, der Wasserrutsche „Wellenreiter“ und anderen Fahrgeschäften stellte er eine wichtige Freizeitattraktionen der DDR dar. Auf dem „Berliner Ring“ konnte man Autoscooter fahren, wer es gemütlich mochte, zuckelte auf der Oldtimer-Bahn dahin.

Das 45 Meter hohe Riesenrad mit seinen 40 Gondeln bot beste Aussichten auf das Kraftwerk Klingenberg (Ost) und Kreuzberg (West), ebenfalls nicht weit entfernt. Pro Jahr strömten bis zu 1,7 Millionen Menschen in den ersten und einzigen Vergnügungspark der DDR.

Doch nachdem 1989 die innerstädtische Grenze geöffnet worden war, wurde es leer im „Kulti“. 1991 wickelte der Senat den Volkseigenen Betrieb ab. Von sieben Bewerbern bekam der Schausteller Norbert Witte den Zuschlag. Der Park wurde umgestaltet, die Besucherzahl sank jedoch weiter – 2001 kamen nur noch 400.000. Es war das Jahr, in dem sich Wittes Spreepark GmbH für insolvent erklärte. 2002 wurde die Anlage geschlossen, der Verfall begann.

Hin und wieder gab es Führungen, Filmdrehs, Veranstaltungen. Sonst blieb der Park sich selbst überlassen. Zwar ist er zu mehr als 40 Prozent versiegelt, trotzdem wirkt er wie ein Dschungel. 49 Vogelarten leben dort. In den Ruinen des Westerndorfes wurde ein Waldkauz gehört, an der Wildwasserbahn stießen Biologen auf Grünspechte. Am Schwanenbootsteich wurde der ebenfalls streng geschützte Eisvogel gesichtet. Auch Kernbeißer, Nachtigallen und Zilpzalps haben im Park ihre Reviere.

Wasserfledermäuse, Große Abendsegler und drei andere streng geschützte Fledermausarten nutzen ihn für die Nahrungssuche. Für sie ist er ein „Jagdhabitat mit hoher Bedeutung“, heißt es in den Unterlagen für den Bebauungsplan. Dann sind da noch 75 Laufkäfer-, 80 Wildbienen- und 108 Spinnenarten. In der wachsenden Stadt Berlin ist der Park unweit der Spree ein wichtiges Rückzugsgebiet der Natur geworden.

Doch ab 2020 wird sich das ändern. Denn die landeseigene Grün Berlin, die das Areal 2016 übernahm, will es wieder dauerhaft öffnen. Nun haben Landschaftsarchitekten, Stadtplaner, Kunstwissenschaftler, Architekten und Szenografen mit der Verwaltung einen Rahmenplan erstellt, der am 25. Mai präsentiert wird. Um 16 Uhr wird im Spreepark eine Ausstellung geöffnet, es gibt geführte Spaziergänge. Um 17.30 Uhr beginnt die Präsentation des Plans, ab 18 Uhr soll diskutiert werden

Spreepark als Arbeitsort für Künstler

Klar ist bereits, dass der einstige Rummelplatz nicht wieder entstehen soll. Geplant sei stattdessen ein „Ort für künstlerisches Schaffen, der einlädt, dabei zu sein und mitzumachen“, sagte Grün-Berlin-Chef Christoph Schmidt. „Kunstinstallationen und Ausstellungen könnten in den Gebäuden und auf den Freiflächen stattfinden, ehemalige Fahrgeschäfte wie die Wildwasserbahn für Performances, Installationen, Theateraufführungen genutzt werden.“

Zum einen soll der Spreepark als Arbeitsort für Künstler etabliert, zum anderen für Familien geöffnet werden, sagte Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD). Geld stünde bereit: 23 Millionen Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt und Nachhaltigkeitsfonds. „Das finde ich toll!“, lobte Igel.

Parkbahn und Fähre zum Bahnhof

In Plänen, die Mitte Februar fertiggestellt wurden und der Berliner Zeitung vorliegen, sind erste Ideen fixiert worden. Sie sind eine Mischung aus Kunst, Amüsement und Erholung. So soll eine einstige Lagerhalle zu einem Werkstattgebäude mit vier Ateliers umgebaut, das frühere Freilufttheater mit 200 Sitzplätzen wieder als Spielstätte genutzt werden. 

Die große Halle im Südzipfel ließe sich zu einem Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude umgestalten – mit 2500 Steh- oder 1500 Sitzplätzen. Auch das Trafogebäude, nicht weit entfernt, soll für Veranstaltungen genutzt werden. Das Eierhäuschen, das alte Ausflugslokal von 1892, wird bereits umgestaltet, für Gastronomie, Büros sowie Arbeits- und Schlafräume für Künstler (fertig 2021). Nebenan ist ein Haupteingang geplant. Das frühere 360-Grad-Rundkino eigne sich für Kultur und Kunst, heißt es weiter. Nebenan soll der zweite, nordwestliche Haupteingang entstehen, für den ebenfalls ein Service- und Toilettengebäude gebaut wird, außerdem E-Bike-Ladestationen und 320 Fahrrad-Stellplätze. Ein weiteres Neubauvorhaben ist im Süden geplant: ein Biergarten mit Kiosk und 250 Plätzen.

25 Prozent der Besucher werden mit dem Auto erwartet

Trassen der Achterbahn und der Grand-Canyon-Bahn sollen zu begehbaren Wegen ausgebaut werden. Für das Riesenrad vermerkt das Nutzungskonzept dagegen: „Wiedernutzung als Fahrgeschäft“. Die Parkeisenbahn soll reaktiviert und später sogar erweitert werden. Das Verkehrskonzept der Gesellschaft VMZ schlägt vor, die Strecke (Spurweite: 600 Millimeter) zum Rathaus Treptow und entlang der Puschkinallee zum S-Bahnhof Treptower Park zu führen. Denkbar wäre auch eine Fährlinie dorthin, mit zwei Stopps am Spreepark und einem neuen Anleger am Funkhaus Nalepastraße.

Das Konzept für die äußere Erschließung enthält auch Diskussionsstoff. So sollen an der Kiehnwerderallee Parkplätze entstehen, zunächst ist von 100 die Rede. Allerdings erwarten die Planer, dass der neue Spreepark immer mehr Besucher anziehen wird – anfangs könnten es pro Jahr 350.000 sein, später bis zu 600.000. Dann wären bis zu 270 Stellplätze nötig und eine Aufstockung in Form eines Parkdecks.

Erwartet wird, dass 25 Prozent der Besucher im Auto kommen. Darum soll der Dammweg verbreitert werden. Derzeit ist er im Plänterwald auf 4,50 Meter Breite befestigt, Geh- und Radwege gibt es nicht. Varianten im Verkehrskonzept sehen vor, die Fahrbahn auf 5,50 Meter zu erweitern oder eine acht Meter breite Fläche zu schaffen, die Autos und Fußgängern gemeinsam nutzen können.

„Attraktive Angebote“ sollen die Besucher dazu bringen, nicht mit dem Auto zu kommen, heißt es in dem Verkehrskonzept. Linienbusse sollen jedoch weiterhin nicht direkt zum Park fahren, selbstfahrende Elektrobusse könnten Fahrgäste an der Bulgarischen Straße abholen. S-Bahn-Nutzer müssen wie bisher 700 oder 1700 Meter laufen. Noch ungeklärt ist, wie der Verkehr bewältigt werden kann, wenn tausende Menschen zu Veranstaltungen anreisen.

Doch es gibt Kritik. Der Plänterwald sei Landschaftsschutzgebiet, sagt eine Gartenpächterin in der benachbarten Kolonie Rathaus: „Ich halte es für ein Unding, wenn dort ausgerechnet unter einem rot-rot-grünen Senat Parkplätze entstehen und eine Straße verbreitert wird.“

Heute spielen auf dem Dammweg Kinder, es ist ruhig – für die Zukunft erwartet die Anliegerin Verkehr, Lärm, Abgase. Auch an der Grünen-Basis grummelt es. „Ich nehme die Bebauungspläne im Plänterwald mit Erstaunen zur Kenntnis“, sagte Matthias Dittmer von der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität. Die Diskussion hat begonnen.