Berlin - Für 57.000 Berliner dürfte das schönste Ostergeschenk in diesem Jahr eine Spritze gewesen sein. Diese Anzahl an Erstimpfungen ist in Berlin seit Karfreitag verabreicht worden, wie Detlef Cwojdzinski, Koordinator der sechs Impfzentren, der Berliner Zeitung mitteilte. Davon seien 18.000 Ampullen von Astrazeneca verimpft worden, vorzugsweise an die vorgezogene Gruppe der 60- bis 70-Jährigen in den Impfzentren in Tegel und Tempelhof. 

Die Chance, sich gegen Covid-19 immunisieren zu lassen, war für diese Gruppe plötzlich entstanden, als vorige Woche die Ständige Impfkommission angeordnet hatte, die eigentlich vorgesehene Astrazeneca-Impfung von Jüngeren – Lehrkräfte oder Kita-Erzieherinnen beispielsweise – auszusetzen, weil weitere Fälle der seltenen Gehirnvenen-Thrombose aufgetreten waren.

Maritta Tkalec, Reporterin bei der Berliner Zeitung, war am Sonntag im Hangar 4 des Tempelhofer Flughafens an der Reihe. Sie hat kein Problem mit Astrazeneca: „Das Zeug wirkt, das Risiko ernster Nebenwirkungen ist homöopathisch winzig. Schon mit der ersten Impfung ist die Aussicht auf wochenlanges Koma mit externer Beatmung, vielen Schläuchen und Totalverlust der Selbstbestimmtheit deutlich geschrumpft. Das Schreckgespenst Long-Covid entschwebt. Ein schönes Gefühl.“ Eine der überaus freundlichen Betreuerinnen antwortete auf ihre Frage, wie die Leute gestimmt seien: „Erleichtert sind sie, sehr erleichtert, dass das Schlimmste abgewendet ist.“

Ansonsten lief alles ab, wie schon oft gelesen: geordnet, zügig, zugewandt. Rollstuhlfahrer hatten Vorfahrt. Fünf Minuten dauerte der Kern der Prozedur: Aufklärung durch einen jungen Arzt, Papiere hin und her. Den Einstich habe sie kaum gespürt, so zart seien die Kanülen, berichtet die Mittsechzigerin. Dann 20 Minuten im Wartebereich: „Da war Zeit für einen Gedanken an all die Leute, die über die Feiertage Dienst an der Allgemeinheit taten. Dann rauf auf Fahrrad.“ 24 Stunden später hatte sie weder Fieber noch Schmerzen im Arm.

Ein ähnliches Bild ergab sich am Ostermontag in Tempelhof. Marion Becker-Berz verlässt glücklich das Impfzentrum. „Ich freue mich, dass ich nun schneller als geplant geimpft werden konnte“, sagt die 63-Jährige. Zwar habe sie in den vergangenen Tagen lange in der Warteschleife der Impfhotline warten müssen, dafür sei der Ablauf vor Ort reibungslos gewesen. Sorgen wegen einer Spritze mit Astrazeneca hatte Becker-Berz nicht. „Wenn man sich die Beipackzettel von Medikamenten anschaut, muss man ja fast überall mit Nebenwirkungen rechnen. Ich bin der Meinung, wenn eine Impfmöglichkeit besteht, sollte man sie wahrnehmen.“

Auch die Berlinerin Maria H. hat sich impfen lassen. „Eine Impfung mit Astrazeneca ist in jedem Fall besser, als dass ich auf einer Intensivstation liege und beatmet werden muss“, sagt die über 60-Jährige. Ilona Andresen-Paeck, 60, hatte ebenfalls „keine Bedenken“ und freute sich darüber, dass sie „beim Impfen nach vorne gerutscht“ sei.

Während der Großteil der Impflinge am Ostermontag problemlos Zugang erhält, steht Silvia K. aufgewühlt vor dem Eingangsbereich im Hangar 4. Sie ist noch nicht über 60, konnte aber einen Impftermin am Telefon vereinbaren und hat eine Bestätigungsmail bekommen, dass sie sich am Ostermontag in Tempelhof impfen lassen kann. Ihre Mutter ist pflegebedürftig, hat Alzheimer. Um sie pflegen zu können, benötigt K. die Impfung.

Trotz der Regelung, dass unter 60-Jährige auf eigenen Wunsch und nach ausführlicher Aufklärung mit Astrazeneca geimpft werden können, wird sie am Eingang abgewiesen. Das Personal nennt ihr als Begründung, dass sie unter 60 sei und somit nicht geimpft werden könne „Wozu bekomme ich dann einen Termin? Und heute nochmal eine Erinnerungsmail?“, fragt K.? „Ich bin verärgert, dass der Senat sein System nicht im Griff hat.“

Laut Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci, SPD, hatte es trotz eines „gut angenommenen“ Impfangebots über Ostern noch buchbare Termine gegeben. Möglicherweise wurden die Terminreservierungen durch den starken Andrang und technische Probleme bei der Impfhotline in den vergangenen Tagen erschwert. Rund 700.000 Impfungen seien in den Berliner Impfzentren bisher erfolgt, bilanzierte Kalayci am Montag während eines gemeinsamen Besuches mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU. Darunter seien etwa 475.000 Erstimpfungen. Alle Astrazeneca-Impflinge, die an Ostern ihre erste Spritze erhalten haben, bekommen Mitte Juni die Zweitimpfung.