Torsten Harmsen empfehlt allen sich impfen zu lassen.
Foto: dpa/ Friso Gentsch (Symbolbild)

BerlinWenn man heutige Arztpraxen sieht, denkt man oft: Huch, das sieht ja hier so bunt und wohnlich aus. Überall hängen Bilder. Ärzte laufen im T-Shirt umher statt im Kittel. Auch die medizinischen Geräte sind oft angenehm und modern gestaltet. Gruseliges wird versteckt und erst bei Bedarf rausgeholt. In meiner Kindheit sah das anders aus. Zu meinen Erinnerungen gehören kahle Warteräume mit knackenden Lautsprechern über der Tür, weiße Kittel und Glasschränke voller unheimlicher Instrumente auf Metallschalen.

Am meisten fürchtete ich mich vor Spritzen. Deren Nadeln schienen so lang, dass sogar ein Pferd vor ihnen weggelaufen wäre. Obwohl, ein Pferd rennt ja vor allem weg. Also sagen wir mal: ein kleiner Elefant. Jeder, der um meine Angst wusste, versuchte mich aufzumuntern. „Mut, meen Kleena“, sagte mein Opa, Jahrgang 1904. „Von so ’nem Pieks stirbt man nich.“ Er hatte zwei Kriege mitgemacht, einen davon als Soldat, und er kannte viele schöne Begriffe für Angst: „Schiss“, „Bammel“, „Muffensausen“ und „Pupenjang“. So lange ich klein war, hielt er sich zurück. Erst später lernte ich sie kennen, ebenso Sprüche wie: „Angst hatta nich, aber jut rennen kanna.“ – „Dem jeht der Arsch uff Jrundeis.“

Eines Tages passierte etwas Schreckliches, mit dem ich nie gerechnet hätte. Im Kindergarten erschien eine Frau mit einer großen Tasche. Es war eine Ärztin, wie ich erfuhr. Sie schlug ihr Lager im Arztzimmer auf. Den Begriff staatliches Impfprogramm kannte ich noch nicht. Aber ich sah, was er bedeutete. Alle Kinder wurden nacheinander aufgerufen. Als ich „an der Reihe“ war und in den Raum ging, sah ich die Spritze, die gerade von einer Schwester vorbereitet wurde.

Ich machte kehrt und flitzte davon, sauste durch den Kindergarten. Durch die Terrassentür rannte ich in den Garten und kauerte mich hinter den Geräteschuppen. Mein Herz pochte. Ich wollte hier hocken bleiben, bis alle weg waren. Man suchte mich überall. Die Kinder riefen „Angsthase, Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase!“ Ich hielt mir die Ohren zu. Am Ende entdeckte mich der Hausmeister. Er schaffte es tatsächlich, mich mit seiner robust-freundlichen Art ins Krankenzimmer zu bugsieren. „Komm, Großer, wir bringen det jetz beide hinter uns. Wär doch jelacht.“ Mit vielem Zureden, Ablenken und sanftem Festhalten erreichte er es, dass ich mir doch die Spritze geben ließ. Hinterher war ich stolz. Ich hatte es geschafft!

Wenn ich heute in meinem alten Impfausweis blättere, kann ich rekonstruieren, dass es sich um die Impfung gegen Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus gehandelt haben muss, die mehrmals wiederholt wurde. Daneben gab es noch Impfungen gegen Masern, Pocken und Kinderlähmung. Letztere machte sogar Spaß. Man erhielt einen getränkten Zuckerwürfel. Aber das geschah erst viel später, in der Schule.

Meine Angst vor Spritzen habe ich längst verloren. Ich weiß auch, was damals die Alternative zu den Spritzen gewesen wäre, wenn ich Pech gehabt hätte. Wer neugierig ist, kann ja im Internet nach den Symptomen von Diphtherie, Keuchhusten oder Tetanus suchen. Ich empfehle es jedenfalls allen Impfgegnern.

In Wirklichkeit war die Ärztin mit der großen Tasche ein Engel. Und die fürchterlichen Spritzen waren ein Wunder. Aber als kleines Kind konnte ich das noch nicht wissen.

Buchtipp: Torsten Harmsen: Der Mond ist ein Berliner. Wunderliches aus dem Hauptstadt-Kaff, be.bra Verlag, Berlin 2019. 224 S., 14 Euro.