Berlin - So prächtig die vielbesungenen „Linden“ stellenweise auch sind, zum Flanieren laden sie in ihrem Zustand schon seit Jahren nicht sonderlich ein. Irgendwo ist diese Straße immer aufgerissen, irgendeines ihrer besten Objekte ist immer hinter einem Bauzaun versteckt. Und das bleibt noch einige Zeit so. Überhaupt das Flanieren. Das ist ein Bewegungszustand, der so überhaupt nicht in diese Zeit zu passen scheint. „Flanieren“, das schickt sich höchstens noch für Touristen, nicht jedoch für den Berliner in seiner eigenen Stadt.

Bitterarme Migranten

Und doch würde es sich lohnen, wie die Autorin Roswitha Schieb beweist. In ihrem gerade erschienen Buch „Jeder zweite Berliner“ lädt sie dazu ein, sich spazierengehend auf die Suche nach den Schlesiern in Berlin zu begeben. Der Titel spielt an auf die vor hundert Jahren nicht ganz ernst gemeinte Behauptung, jeder zweite Berliner stamme aus Breslau. Dass aus Schlesien stammende Großindustrielle wie Borsig oder oberschlesische Steinkohlenmagnaten wie Henckel von Donnersmarck Berlin im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert entscheidend prägten, ist hinlänglich bekannt. Die überwiegende Mehrheit dieser Migranten jedoch war bitterarm – und wegen ihrer Religionszugehörigkeit lange auch nicht gut gelitten, weiß die Autorin.

Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert war mit der Hedwigskathedrale die erste katholische Kirche in Berlin errichtet worden. Darüber hinaus gab es im 19. Jahrhundert nur wenige katholische Kirchenbauten in Berlin. Erst mit dem anhaltenden Zustrom der Arbeitskräfte entstand in Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert eine regelrechte „Kirchennoth“, besonders im schlesischen Viertel in Kreuzberg, aber auch in anderen Stadtbezirken. Dabei waren die Katholiken in Berlin nicht gut gelitten. Spätestens seit dem Kulturkampf unter Bismarck konnten sich die Katholiken in Berlin als Bürger zweiter Klasse empfinden. In dieser Zeit, in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, durften katholische Kirchengebäude nicht freistehend errichtet, sondern mussten in die Fassaden der Straßenzüge eingebaut werden.

Gärten, Parks und Plätze

Dies und vieles mehr erfährt man. Viele Architekten und Städtebauer des 19. und 20. Jahrhunderts aus Schlesien gaben Berlin sein immer wieder wechselndes Gesicht. Einer der wichtigsten war beispielsweise der heute fast gänzlich in Vergessenheit geratene Hermann Mächtig. 1837 in Breslau geboren, erhielt er dort und in der Königlichen Gärtnerlehranstalt in Potsdam-Wildpark seine Ausbildung zum Gärtner. Zunächst arbeitete er in den Potsdamer Gärten unter Peter Joseph Lenné und Gustav Meyer, wurde 1870 dortiger Hofgärtner, bis er ab 1878 bis zu seinem Tod 1909 das Amt des Stadtgartendirektors in Berlin bekleidete. Wichtiges Anliegen war ihm, „Volksgärten“ im landschaftsgärtnerischen Stil anzulegen, denn Gärten und Parks sollten nach Mächtigs Auffassung „Stätten der Bewegung, der Erholung, Orte geselliger Unterhaltung, auch des Naturgenusses, der Bildung und der Veredelung der Sitten“ sein.

Eine Vielzahl heute noch existierender Plätze und Parks in Berlin geht auf Mächtig zurück, schreibt Roswitha Schieb, dazu gehören etwa der Treptower Park, der Pariser Platz, der Zentralfriedhof Friedrichsfelde, auf dem sich auch Mächtigs denkmalgeschütztes Grab befindet, der Leopoldplatz, der Senefelderplatz, der Wilhelmplatz, die Umgestaltung der Schlossstraße in Charlottenburg, der Kollwitzplatz, der Gendarmenmarkt, der seit 1848 bestehende Friedhof der Märzgefallenen, der 1900 von Mächtig wiederhergestellt und verschönert wurde, der Lützowplatz, der Arnswalder Platz, der Arnimplatz und der Brunnenplatz.

Berlin war für die Schlesier ein großer Magnet, ja vielleicht der Anziehungspunkt schlechthin, heißt es in dem Buch. Wer etwas werden wollte in der Welt, der sei nicht in der Provinz geblieben, nicht einmal in der schlesischen Hauptstadt Breslau. Wer etwas werden wollte, der musste nach Berlin kommen. Den Schlesiern hat Berlin kein Museum gebaut. Die lange geteilte Stadt war dafür der falsche Ort. Auch war das Misstrauen durchaus angebracht, hinter einer Schlesien-Nostalgie könnte der Versuch stecken, die Geschichte zu revidieren. Vor gut zehn Jahren rekonstruierte dann eine Ausstellung mit dem Titel „Wach auf, mein Herz, und denke“ Schlesiens Zug nach Westen von 1740 bis zum Exodus 1945. Und jetzt gibt es eben dieses Buch mit lesenswerten Spaziergängen, die verhindern helfen, dass sich das Gedächtnis in Luft auflöst.

Das Buch von Roswitha Schieb „Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren an der Spree“ erschien im Verlag Kulturforum östliches Europa (380 Seiten). ISBN 978-3-936168-61-7, 19,80 Euro.