Blick in die St. Hedwigs-Kathedrale am Bebelplatz in Berlin-Mitte.
Foto: dpa/ZB/Jens Kalaene

BerlinAuch das Urheberrecht der einst beteiligten Künstler kann die rabiate Zerstörung des Innenraums der St. Hedwigs-Kathedrale durch das Berliner Erzbistum nicht stoppen. Das hat am gestrigen Dienstag das Berliner Landgericht entschieden. Zur Enttäuschung der vielen anwesenden Freunde des in den 1950er-Jahren entstandenen, einmaligen Gesamtkunstwerks, an dem unter der Leitung des Architekten Hans Schwippert Künstler aus beiden Teilen Deutschlands gearbeitet hatten.

Wirklich überraschend kam das Urteil allerdings nicht. Eines nämlich ist in vielen Prozessen zwischen Eigentümern von Gebäuden oder Gebäudeausstattungen und Architekten oder Künstlern halbwegs sicher geklärt worden, worauf der Richter schon in seinem Vorwort zur Verhandlung hinwies: Zwar darf ein Kunstwerk, wenn dessen Schöpfer noch leben oder vor weniger als siebzig Jahren gestorben sind, nicht sinnentstellend verändert werden. Zerstören aber können es die Eigentümer durchaus, wenn nicht etwa der Denkmalschutz weitere Hürden aufgebaut hat. Es besteht nur die Pflicht zur sorgfältigen Dokumentation des Kunstwerks – die es nach Angaben der Kirchenanwälte gibt. Und die Urheberrechtsinhaber müssen die Chance haben, das Kunstwerk auf eigene Kosten zu bergen. So entschieden im Fall der Mannheimer Kunsthallenerweiterung, bei deren skandalösem Abriss – sie war ein bedeutender Museumsbau der Postmoderne – auch ein Raumkunstwerk der 1980er-Jahre zerstört wurde.

Dass die Zerstörung eines Kunstwerks möglich ist, wenn der Denkmalschutz sich nicht schützend davorstellen kann, ist seit Jahrzehnten ein Ärgernis der deutschen Denkmalpflegedebatten. Im Fall St. Hedwig war es Kultursenator Klaus Lederer, der die Denkmalbehörden gegen deren erbitterten Widerstand anwies, den Radikal-Umbau zu genehmigen, der Religionsfreiheit wegen. Damit waren aber auch alle Urheberrechts-Klagen fast aussichtslos.

Ärgerlich war die Verhandlungsführung durch den Vorsitzenden Richter Claas Schaber im Anblick der oft hoch betagten und emotional engagierten Kläger. In von ihm wohl als entspannend und launig empfundenen Worten führte er an, dass die Rechte der Eigentümer eines Gebäudes durchaus über den Rechten der Entwerfer dieses Gebäudes stehen können, „sonst wäre ja gar keine Veränderung möglich“. Er verglich die St. Hedwigs-Kathedrale methodisch überaus unkorrekt mit dem musealen Kopien von ausgemalten Felsenhöhlen in Südafrika, kommentierte die Frage der Urheberrechte mit dem antikulturellen Spruch „Ist das Kunst oder kann das weg?“, schwadronierte über den „letzten Schuss“ für die Kathedrale, behauptete, dass Kuppel und Doppelsäulen nicht zum Gesamtkunstwerk Schwipperts zählten – obwohl dieser beide in seinen Entwurf integriert hatte, sie damit also zum Teil seines Kunstwerks geworden sind, was die gesamte kunsthistorische Literatur betont.

Doch hat er sofort entschieden und ließ nun den weiteren Klageweg zum Kammergericht zu. Ob die Urheberrechts-Erben ihn beschreiten, ist offen. Für die Frage, ob nicht endlich doch das Urheberrecht und das Denkmalrecht zusammen gedacht werden sollten, wäre es wohl sinnvoll – auch wenn die Kirche bereits seit 2018 mit rabiaten Abrissen Fakten geschaffen hat.