St. Hedwigs-Kathedrale: Deutsche Stiftung Denkmalschutz wendet sich gegen den Umbau

Dass die in den späten 1950er-Jahren entstandene Innenarchitektur der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale auch heute repräsentativ sein kann, zeigte sich erst vergangene Woche bei der Totenmesse für Helmut Kohl. Dennoch soll dieser Raum vollständig umgestaltet werden:

Vergangenen November beschloss der Berliner Bischof Heiner Koch, dass er den Empfehlungen seiner Gremien und der Jury des 2014 abgehaltenen Wettbewerbs folgen wolle. Der damals ausgezeichnete Entwurf der Architekten Sichau & Walter lässt die große Bodenöffnung verschwinden, der Altar soll künftig in der Mitte des Raumes stehen und im Dreiviertelkreis umgeben werden von den Sitzen der Gemeinde.

Die Proteste aus der Kathedral-Gemeinde, aus der Denkmalpflege und der Wissenschaft sind seither massiv. Nun lehnt auch die nicht zuletzt im Bundestag – von dem sich das Bistum eine Teilfinanzierung seines Projekts erhofft – überaus einflussreiche Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) den Umbau ab: Der zwischen 1956 und 1963 nach den Plänen von Hans Schwippert gestaltete „weltweit einzigartige Sakralraum“ sei eine „herausragende Raumschöpfung der Zeit des Wiederaufbaus“.

Er zeige eine „ungewöhnliche Komplexität architektonischer, kunst-, kirchen- und liturgiehistorischer Ideen“. Dieser Raum sei „ein Denkmal des Katholizismus in der Diaspora und in der DDR“, und seine Rettung durch „bürgerschaftliches Engagement“ werde unterstützt.

Ost-West-Zusammenarbeit

Im Allgemeinen wirbt die DSD eher im Hintergrund für die Belange des Denkmalschutzes, vermittelt die Interessen und besorgt Geld in ihren einzigartig breit gestreuten Unterstützerkreisen. Nicht mehr so im Fall Hedwig-Kathedrale. Bereits vergangene Woche hatte die DSD die erste öffentliche Veranstaltung zu dem Umbauprojekt organisiert, und zwar in ihrem Berliner Sitz, dem Nicolaihaus in der Brüderstraße – einem Bau, der trotz mancher Impraktikabilitäten sorgfältig bewahrt wurde. Dass dies als Symbol gelten kann, wurde vom Moderator, Christian Freigang von der Freien Universität Berlin, und vom Berliner Landeskonservator Jörg Haspel mehrmals betont.

Die Kunsthistorikerin Sabine Schulte aus Trier – das Engagement für den Bau ist längst eines, das Ost und West verbindet – zeigte bei der Veranstaltung, dass Hans Schwippert seit den 1920er-Jahren eng mit den kirchenreformerischen Kreisen des Rheinlands verbunden gewesen sei. In Berlin habe er mit den damaligen Bischöfen die Liturgiereformen des Vatikanischen Konzils vorweggenommen, bis hin zum zentral aufgestellten Altarblock, der als symbolische Verbindung zwischen Unterkirche und Himmelskuppel diene.

St. Hedwig erinnere an die Antike, die Märtyrerkirchen des frühen Christentums, an mittelalterliche Doppelkirchen, verbände sie mit der modernen Forderung nach gemeinschaftlichem Gottesdienst. Vor allem aber sei dieser Bau ein deutsch-deutsches Denkmal: Schwippert, der „Architekt Adenauers“, sei für dieses Projekt ausgewählt worden, weil er auch das Bundeshaus in Bonn geplant habe. Intensiv hätten hier Künstler aus der DDR und der Bundesrepublik zusammengearbeitet. Achim Kühn, der Sohn des Bildhauers Fritz Kühn, erinnerte daran, dass selbst Ausstattungsdetails auf internationalen Ausstellungen Erfolge feierten.

Nach Angaben der Organisatoren waren auch Vertreter des Bistums zu der Veranstaltung eingeladen worden. Doch diese hätten „kurzfristig“ ihre Teilnahme abgesagt. Deswegen musste Stefan Förner, der Pressesprecher des Bistums, einspringen. Es gab nämlich nur wenige Unterstützer, die darauf hinwiesen, dass die Kirchengremien durchweg für das Projekt seien – „das sind ja nicht alles Deppen“. Sie betonten, dass der Abgang in die Unterkirche zur Teilung der Gemeinde führe und der Raum „zu kalt“ wirke.

Da die Verantwortlichen fehlten, blieb so manche Frage offen. Woher kommen die Gelder – 60 Millionen sind derzeit für das Gesamtprojekt veranschlagt? Warum versucht das Bistum nicht erst einmal billigere kleinere Umbauten, die Reinigung der Oberflächen, die provisorische Verschmälerung des Zugangs zur Unterkirche? Immerhin, über die Aufstellung der Bänke wieder im Kreisformat wie einst soll jetzt nachgedacht werden, sagte Stefan Förner zu. Auch das wird schon seit Jahren gefordert, die Berliner Zeitung berichtete darüber schon 2015.

Bauanträge im Herbst erwartet

Vor allem aber teilte Förner fast im Nebensatz mit: Die Kirchenleitung habe inzwischen erkannt – angesichts der Proteste könnte man auch sagen: eingesehen – dass ein Umbau mit der Deckelung der Bodenöffnung „kirchenrechtlich nicht zwingend“ sei. Es ginge um die Erfüllung von „funktionalen Notwendigkeiten“. Mit dem „Zwang“ entfällt aber die wesentliche juristische Grundlage, dem sich auch die Denkmalpflege hätte unterwerfen müssen.

Diese hat nun eine ganz neue, viel stärkere Stellung in der Debatte. Das Bistum hatte zudem 2014 versprochen, den Entwurf von Sichau & Walter „in enger Absprache“ mit dem Landesdenkmalamt weiter zu entwickeln. Bisher ist das jedoch, wie Landeskonservator Jörg Haspel der Berliner Zeitung auf Nachfrage bestätigte, nicht geschehen. Im Herbst erwarte er die Bauanträge.