Berlin - Den 8. Januar 2020 wird die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik wohl einmal als den Beginn ihres Niedergangs registrieren. An dem Tag reichten vier Frauen ein Dossier mit Denunziationen über die Schule bei der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ein. Es folgte eine von der Bildungsverwaltung ausgelöste Kampagne, die die weltweit renommierte Schule öffentlich in ein Licht von Missbrauch, Gewalt und Misshandlung rückte. Bis heute wurde keiner dieser Vorwürfe belegt, die Verwaltung ließ sie nur immer wieder medienwirksam verlauten.

Ein Jahr später, am 8. Januar 2021, sollte der dritte Prozess stattfinden, in dem das Spitzenpersonal dieser Schule vor dem Arbeitsgericht seine Kündigungen zurückweist. Doch das Land ließ den Termin kurzfristig absagen. Einer der zwei mit dem Fall befassten Juristen befinde sich in Quarantäne, hieß es. Verhandelt werden sollten die zweite und dritte Kündigung, gegen die der Schulleiter Ralf Stabel im Rang eines Professors klagt. Seine erste Kündigung kassierte das Gericht bereits im September.

Der Umgang zwischen den Parteien ist rau geworden

Im Oktober hatte auch der künstlerische Leiter Gregor Seyffert den Prozess gegen seine Kündigung gewonnen. Der Richter verpflichtete das Land daraufhin, Seyffert ungeachtet eines anhaltenden Rechtsstreits weiterzubeschäftigen. Sandra Scheeres scheint das Urteil geflissentlich zu ignorieren. Bis heute reagiert sie nicht mal auf Anfragen des Anwalts Jens Brückner, der die Leiter Stabel und Seyffert vertritt. Der Arbeitsrechtsexperte mit jahrzehntelanger Erfahrung erinnert sich nicht, einen solchen Umgang des Staates mit seinem Personal schon erlebt zu haben.

Der Umgang zwischen den Parteien ist rau geworden. Beim Gütetermin zwischen Land und Schulleiter Anfang September hat die Richterin eine tragfähige Begründung für die zweite und dritte Kündigung gefordert: Schließlich will das Land den Leiter mit dem schärfsten Instrument loswerden, das einem Arbeitgeber zur Verfügung steht – der fristlosen Kündigung. Bis 8. Oktober sollte der Schriftsatz des Landes vorliegen. Man ließ sich Zeit bis 22. Dezember.

Substanzieller scheinen die Begründungen dadurch nicht geworden zu sein. Es geht auch hier nicht im Entferntesten um das Wohl der Schüler, mit dem die Schule seit einem Jahr Schlagzeilen macht. Vorgetragen werden ausschließlich Ersatzvorwürfe. So sollen zwei von rund 13.000 Zeugnissen, die Ralf Stabel in seiner Amtszeit unterzeichnet hat, fehlerhaft gewesen sein, beide signiert auch vom Oberschulrat als höchster Instanz. Ferner geht es um die Praxis von Dienstreise-Anträgen. Nicht etwa um fehlerhafte Abrechnungen, allein die Antragspraxis steht in der Kritik, zwölf Jahre weder von der Verwaltung noch vom Landesrechnungshof beanstandet. Interessant, dass dafür ausgerechnet der Antragsteller entlassen werden soll.

Vor allem enthält die Kündigungsbegründung gegen Ralf Stabel jede Menge Erzählungen und Gerüchte über Proben von Gregor Seyffert im Jahr 2012. Auch solche, denen Lehrerinnen der Ballettschule im Seyffert-Prozess schon schriftlich widersprochen hatten. Die Verwaltung hat mithilfe von drei Kommissionen versucht, Kündigungsgründe für die Leiter zu finden. Das ist das Ergebnis. Aber hier soll dem Prozess nicht vorgegriffen werden, der nun für Februar angesetzt wurde.

Den Begriff Eliteschule verwendet niemand mehr

Seit einem Jahr also scheut die Bildungssenatorin weder Aufwand noch Kosten, gegen ihre einstige Vorzeigeschule vorzugehen. Gerade erlebt die Stadt das Versagen der Senatorin im Pandemie-Krisenmanagement. Und ihre Verwaltung nahm ganz offensichtlich auch ihre Aufsichtspflicht in der Ballettschule nicht wahr.

Denn es gab Missstände. Verbal übergriffige Lehrer mit Hang zu schwarzer Pädagogik erniedrigten Schüler, beschämten sie, vergällten einigen ihre Begeisterung für Tanz. Der Schulleiter, der nicht mal Abmahnungen gegen solche Lehrer aussprechen darf, meldete Fälle wie den „Arschloch“-rufenden Lehrer an die Verwaltung, sobald er davon erfuhr. Aber die reagierte offensichtlich nicht. Alle rabiaten Tanzlehrer – es handelt sich um drei bis vier in einer 120-köpfigen Belegschaft – unterrichten wie gehabt. Gefeuert wurden nur die Leiter.

Man fragt sich, wie es die Lehrerschaft einer Schule aushält, wenn einem Teil von ihr über Monate Missbrauch und Misshandlung von Schülerinnen vorgeworfen wird. Warum rebelliert keiner? So wie die Eltern, die die Protokolle übergriffiger Lehrer an die Verwaltung schickten und Scheeres wegen Untätigkeit anzeigten. Oder wie die 39 Schüler, die sich in einem offenen Brief gegen die geplante Zerstörung ihrer Schulstruktur wehrten.

Von der Lehrerschaft hört man nichts, denn sie ist entsetzlich zerstritten, in Lager gespalten. Verteidiger von Stabel und Seyffert fühlen sich jetzt gemobbt und schweigen. Andere befürworten die Abberufung der beiden Leiter, weil die ihre Arbeit nicht wertgeschätzt haben sollen. Etliche sind derweil aktiv. Vier Lehrerinnen stellten Strafantrag gegen einen ehemaligen Schüler, der sie in den sozialen Medien als „scheinheilige Intrigantinnen“ bezeichnete. Darunter ausgerechnet die Tanzlehrerin, gegen die die größten Beschwerden protokolliert sind. Auch der Sprecher des Elternprotestes, der Beschwerde-Protokolle übergriffiger Lehrer veröffentlichte, wurde von einigen Lehrenden der Schule verklagt. Das Land hat unterdessen eine vierte Kündigung gegen Stabel angekündigt.

Die internationale Schule mit ihrem tanzfremden Übergangsleiter steckt derweil in der Pandemie fest. Das anhaltende Berliner Schulchaos trifft sie noch schlimmer als andere Schulen, denn die Schüler kommen aus aller Welt, leben zu großen Teilen im Internat. Was es für sie bedeutet, kurzfristig zu erfahren, dass die Weihnachtspause vorbei ist und ab Montag wieder Präsenzunterricht stattfindet, dann wieder zu hören, dass es eben diesen Unterricht doch nicht geben wird, mag man sich nicht ausmalen.

Den Begriff Eliteschule verwendet nach dem Jahr der Skandale niemand mehr.

Anmerkung: In einer früheren Fassung war gegebenenfalls missverständlich formuliert, wer rechtlich gegen den Sprecher des Elternprotestes vorging.