100 Kilogramm und millionenschwer: Die Münze, die aus dem Bode-Museum gestohlen wurde. 
Foto: dpa 

BerlinIn der Nacht zum 27. März 2017 sprangen drei dunkle Gestalten vom S-Bahnhof Hackescher Markt auf die Gleise und marschierten im Gänsemarsch in Richtung Bode-Museum. Ein Video aus der Überwachungskamera des Bahnhofs hielt kurz nach 3 Uhr fest, wie sie auf den Gleisen verschwanden. Nicht einmal eine Stunde später sind diese Gestalten offenbar um eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro reicher – gestohlen auf spektakuläre Weise aus dem Bode-Museum.

Staatsanwalt Thomas Schulz-Spirohn ist sich sicher, dass die drei dunklen Gestalten unter den vier Angeklagten zu finden sind, die sich seit mehr als einem Jahr wegen des Diebstahls der Goldmünze Big Maple Leaf vor dem Landgericht verantworten müssen: die Brüder Wayci und Ahmed R. sowie ihr Cousin Wissam R. Sie sind Mitglieder einer polizeibekannten arabischstämmigen Großfamilie.

Lesen Sie auch: Die Macht der Clans >>

Für Schulz-Spirohn ist es erwiesen, dass die Brüder und ihr Cousin diejenigen sind, die die wagenradgroße Goldmünze aus dem Museum bugsierten, und sie sich damit des gemeinschaftlichen Diebstahls in einem besonders schweren Fall schuldig gemacht haben. In seinem Plädoyer fordert er daher an diesem Montag für den 21-jährigen Ahmed und den 23-jährigen Wissam R. Haftstrafen von jeweils sieben Jahren, Wayci R., 25 Jahre alt, soll für fünf Jahre ins Gefängnis.

Professionell und gut informiert

Auch den vierten im Bunde hält Schulz-Spirohn für einen Täter. Der 21-jährige Denis W., ein Schulfreund von Ahmed R., hatte kurz vor dem spektakulären Millionencoup begonnen, als Wachmann im Bode-Museum zu arbeiten. Er soll den Tipp für die Tat und Insiderinformationen geliefert haben.   

36 Verhandlungstage sind vergangen, 22 Zeugen wurden gehört. Für den Staatsanwalt steht fest, dass die drei Mitglieder der Familie R. in der Tatnacht nur kurz im Museum waren und binnen 16 Minuten zu Gold kamen. Sie stiegen über das einzige nicht alarmgesicherte Fenster in das Haus ein. Dabei gingen sie laut Schulz-Spirohn  „professionell, gezielt, gut informiert und hochdiszipliniert“ vor. Es sei ihnen bei dem dreisten Coup egal gewesen, dass noch ein Wachmann im Haus gewesen sei.

Sie liefen unbemerkt in den Raum 243, zerschlugen die Vitrine ohne Alarmanlage, in der die wagenradgroße Goldmünze ausgestellt war. Mit einem Rollbrett sollen die drei Männer ihre Millionenbeute zum offenen Fenster gebracht, die Big Maple Leaf auf ein Vordacht und von dort auf den Bahndamm bugsiert haben. Mit einer Schubkarre fuhren sie ihre Beute zu einem Seil, an dem sie die Zwei-Zentner-Münze in den Monbijoupark hinabließen und in ein Fluchtfahrzeug luden. Der Goldschatz ist bis heute verschwunden. Schulz-Spirohn geht davon aus, dass er zerlegt und verkauft wurde.

Goldpartikel an der Kleidung

Hinweise von V-Männern brachten die Ermittler auf die Spur der Angeklagten. Am Seil, das zum Monbijoupark führte, wurde die DNA von Wissam R. gefunden. Bei Hausdurchsuchungen stellten die Fahnder Kleidungsstücke sicher, die zahlreiche Partikel von hochreinem Gold aufwiesen. Auch im Mercedes von Wissam R. wurden diese Goldteilchen entdeckt. „Die Partikel können nur von der gestohlenen Münze stammen“, so Schulz-Spirohn.

Zudem seien winzige Glasstücke der zerschlagenen Vitrine auf Schuhen der Angeklagten entdeckt worden. Und eine Freundin  habe in einer ersten Vernehmung erzählt, wie Wayci R. mit dem Coup geprahlt, vom Gold geschwärmt, sich Rolex-Uhren besorgt und gesagt habe, wie schön es sei „so jung und schon so reich“ zu sein.

Auch wenn die Freundin ihre Aussage zurückgezogen habe und sicherlich kein Indiz allein für den Tatnachweis geeignet sei, so würde die Fülle der Spuren wie Mosaiksteinchen ein Bild zusammensetzen. Ein Bild, das keinen Zweifel an der Täterschaft der Angeklagten lasse.

Für Schulz-Spirohn ist eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht für die zur Tatzeit noch Heranwachsenden keine Option. Er könne eine positive Entwicklung, wie sie von der Jugendgerichtshilfe den Angeklagten bescheinigt worden sei, nicht erkennen. So sei etwa der vorbelastete Wissam R. im vorigen November auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung in Erlangen in seinem Wagen von der Polizei gestoppt worden – der Kofferraum randvoll mit Einbruchswerkzeug gefüllt.

Schulz-Spirohn beantragte in seinem Plädoyer zudem für alle vier Angeklagten, die derzeit noch auf freiem Fuß sind, Haftbefehle. Es bestehe erhebliche Fluchtgefahr, so die Begründung. Zudem will der Staatsanwalt das Vermögen der Angeklagten einziehen lassen – im Wert der Tatbeute von 3,75 Millionen Euro.

Nächsten Montag beginnen die Verteidiger mit ihren Plädoyers.