Der Angeklagte Marco F. mit seinem Verteidiger.
Foto: Katrin Bischoff

Potsdam Als Marco F. das letzte Wort erhält, das jedem Angeklagten zusteht, rinnen ihm an diesem Montag Tränen über das Gesicht. Er wisse, dass es für seine Tat keine Entschuldigung gebe, aber er bitte seine Lebensgefährtin und Mutter der beiden gemeinsamen Kinder um Vergebung. "Ich bin unheimlich froh, dass Henriette die Tat überlebt hat", erklärt der 37-Jährige. Und hoffentlich gelinge es auch seiner neun Jahre alten Tochter, mit der Tat klarzukommen.

Zuvor hatte Staatsanwalt Gerd Heininger für den Angeklagten wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert. Marco F., Wasserballer und Industriemechaniker, habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, so Heininger.

Es ist eine Tat, die fassungslos macht. In der Nacht zum 10. April des vergangenen Jahres schlich sich Marco F. ins Schlafzimmer zu seiner schlafenden Lebensgefährtin. Mit einem ersten Messer stach er der 33-jährigen Lehrerin so kraftvoll in den Rücken, dass die Klinge abbrach.

"Papa! Hör auf, hör auf!"

Henriette W. wurde wach, sie wehrte sich. Auch ein zweites Messer ging zu Bruch. Schließlich holte Marco F. ein Brotmesser, mit dem er seiner Lebensgefährtin die Handgelenke und den Hals aufschnitt. Er versuchte auch, sich selbst umzubringen.

Marco F. reagierte nicht auf das Flehen seines Opfers, aber auch nicht auf seine neun Jahre alte Tochter, die ins Schlafzimmer kam und voller Entsetzen rief: "Papa! Hör auf, hör auf!" Schließlich alarmierte das Kind die Polizei und rettete seiner Mutter das Leben. Marco F. sagte später aus, er könne sich an das Tatgeschehen nicht erinnern, auch nicht daran, dass seine Tochter in das Zimmer gekommen sei.

An den Tagen zuvor hatte Henriette W. ihrem Mann, mit dem sie seit 16 Jahren zusammengelebt hatte, erklärt, sich von ihm trennen zu wollen. Er war ihr gegenüber immer wieder handgreiflich geworden, hatte sie gewürgt und gekniffen.

Am Abend vor der Bluttat saß das Paar zusammen, um die Modalitäten der Trennung, den Umgang mit den Kindern zu besprechen. Dass der Abend in einer Katastrophe enden würde, damit konnte Henriette W. nicht rechnen.

Er wollte sie bestrafen, sie töten

Der Angeklagte habe sich durch die Trennungsabsicht seiner Lebensgefährtin vor den Kopf gestoßen gefühlt. "Wir gehören zusammen", habe Marco F. gesagt. Er habe es nicht ertragen können, dass "seine bisher nach außen perfekte heile Welt zusammenbricht", sagte Heininger. Marco F. habe sein Leben als nicht mehr lebenswert empfunden. Doch zuvor habe er die Schuldige bestrafen, sie töten wollen - aus purem Hass.

Henriette W. kam mit einem Blutungsschock ins Krankenhaus, die Notoperation dauerte mehr als zehn Stunden. Sie überlebte zahlreiche lebensgefährliche Verletzungen, sie wird vermutlich ihre Hände nie wieder richtig bewegen können und immer auf die Hilfe Dritter angewiesen sein. 

Matthias Schöneburg, der Verteidiger von Marco F., plädierte dagegen auf eine zeitig begrenzte Freiheitsstrafe. Zwar sah auch er den Vorwurf des versuchten Mordes bestätigt. Doch das Gericht müsse bei seinem Urteil auch die Persönlichkeit des Angeklagten würdigen. Marco F. sei sozial integriert, nicht vorbestraft, geständig und reuevoll gewesen. Zudem habe er sich in jener Nacht selbst umbringen wollen. 

Wie in einem Horrorfilm

Marco F habe keinen Sinn mehr in seinem Leben gesehen, als er gehört habe, dass sich Henriette W. von ihm habe trennen wollen, so Schöneburg. "Nach außen wirkte er ruhig, aber innerlich zerriss es ihn", sagte der Anwalt. Marco F. habe sich gefragt, was nun aus den Kindern, der Frau, die er noch liebte, dem Haus werden würde.  

Schöneburg forderte das Gericht auf, eine Affekthandlung zu prüfen - auch wenn das der psychiatrische Gutachter ausgeschlossen hatte. Anders als der Sachverständige glaube er seinem Mandanten, sich an das Tatgeschehen nicht erinnern zu können - und dies deute auf eine erhebliche Bewusstseinsstörung hin. 

Marco F. bittet in seinem letzten Wort das Gericht um eine gerechte Strafe. Er könne sich nicht erklären, wie er zu so einer Tat habe fähig sein können. Er fühle sich wie in einem schlimmen Horrorfilm, in dem er die Hauptrolle spiele.

Das Gericht will am nächsten Montag das Urteil verkünden.