Staatssekretär für Wohnen in Berlin Sebastian Scheel: Hausbesetzer, Mormone, Staatssekretär

Berlin - Es gibt viele Punkte, wo man anfangen kann, wenn man die Berliner Wohnungspolitik umkrempeln soll – erst einmal die Wohnungsbaugesellschaften auf Kurs bringen, die Sorgen der Mieterinitiativen anhören oder die der Mitarbeiter in der unterbesetzten Senatsverwaltung.

Der neue Staatssekretär für Wohnen, Sebastian Scheel (Linke), verbrachte seinen ersten Arbeitstag am Mittwoch stattdessen mit dem Souverän: Er ging in Klausur mit den wohnungspolitischen Experten der drei Koalitionsfraktionen. Ein sehr guter Auftakt sei das gewesen, sagte er am Nachmittag. „Jetzt folgen die Kennenlernrunden.“

Den Anfang will er bei den Wohnungsbaugesellschaften machen. Zu besprechen gibt es einiges: Erst vor wenigen Wochen verschickten die Gesellschaften teils drastische Mieterhöhungen an mehr als 20.000 Mieter, obwohl die rot-rot-grüne Koalition eine Begrenzung der Mieterhöhungen beschlossen hat.

Anzugträger und Freigeist

Man darf davon ausgehen, dass Scheel deutliche Worte an die Chefs der fünf Gesellschaften richten wird. Denn auf den ersten Blick mag es überraschen, dass sich Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) für Scheel als Nachfolger des Stasi-belasteten Kurzzeit-Staatssekretärs Andrej Holm entschieden hat. Mit Wohnungspolitik hatte er eher am Rande zu tun. Auch Berlin kennt der 41-Jährige bislang vor allem als Besucher:  Seit den 90er-Jahren lebt er in Sachsen.  Mehr als zehn Jahre lang war er Landtagsabgeordneter, zuletzt als Parlamentarischer Geschäftsführer der Linke-Fraktion.

Doch Scheel bringt Qualitäten mit, die ihm im neuen Amt nützen dürften. Er gilt als erfahrener, gewiefter Verhandler. Er ist Finanzfachmann und dürfte damit einen völlig anderen Zugang zur Situation der Wohnungsbaugesellschaften finden als sein Vorgänger Holm, der sich vor allem als mietenpolitischer Aktivist versteht.

Und Scheel pflegt auch einen anderen Auftritt als Holm, mit dem er bei Investoren und anderen Gesprächspartnern, die auf Äußerlichkeiten gesteigerten Wert legen, durchaus Eindruck schinden dürfte. Er ist Anzugträger, ein Wegbegleiter aus Sachsen bezeichnet ihn als den „bestgekleideten Abgeordneten“ im Freistaat.  Auch rhetorisch galt er im Parlament als Talent, seine Reden im Landtag hielt er bis auf spärliche Notizen meist frei, heißt es. 

Zugleich dürfte es Scheel auch gelingen, mit den mietenpolitischen Initiativen Berlins eine Gesprächsbasis zu finden, die politisch teilweise deutlich weiter links stehen als die Linke. Scheel lebte in Leipzig zeitweilig selbst in einem besetzten Haus, kennt die Befindlichkeiten linker Aktivisten also aus eigener Erfahrung. Bei den Mormonen war der neue Staatssekretär übrigens kurzzeitig auch.

Ein linker Bonvivant mit schillernder Biografie also, der mit Dogmatismus nicht viel am Hut hat. 2013 verhandelte Scheel mit der schwarz-roten Koalition in Dresden über eine Verfassungsänderung, die für viele seiner Genossen eine Zumutung war. Die Schuldenbremse, die viele Linke kategorisch ablehnen, wurde in die Landesverfassung aufgenommen, elf Abgeordnete aus Scheels Fraktion stimmten mit und sicherten so die nötige Zweidrittelmehrheit. Im Gegenzug wurde der soziale Ausgleich als Staatsziel in die Landesverfassung aufgenommen.

Eine Wohnung hat er noch nicht

Doch auf Dauer genügte  Scheel die Arbeit in Sachsen wohl als Herausforderung nicht. „Nach zwölf Jahren Opposition ist es für mich eine Verlockung, Mitglied einer rot-rot-grünen Regierung zu sein“, sagte er am Mittwoch. Noch dazu als Staatssekretär für Wohnungspolitik, also im wichtigsten Politikfeld für die Linke in Berlin.

Etwas eingelesen habe er sich schon und dass die anstehenden Aufgaben gewaltig sind, sei ihm bewusst. „Aber Politiker sind ja sehr gut darin, sich neue Themenfelder anzueignen.“ Und zumindest in einer Hinsicht sieht Scheel Berlin in der Wohnungspolitik gut aufgestellt: Anders als beispielsweise Dresden verfüge die Stadt über starke Wohnungsbaugesellschaften und könne damit Einfluss nehmen auf den Wohnungsmarkt.

Bleibt eine persönliche Herausforderung: selbst eine Bleibe zu finden. Damit will sich Scheel aber erst später befassen. Seine Familie ist vorerst in Sachsen geblieben.