In den frühen 80er-Jahren herrschte der Zweifel. Helmut Kohl war noch nicht an der Macht, als der Schriftsteller Uwe Wandrey einen Sammelband mit dem Titel „Kein schöner Land?“ herausgab. In den Beiträgen prominenter Autoren dieser Zeit artikulierte sich ein weit verbreitetes Unbehagen an den Zuständen im eigenen Land. Der Staat, der auf den nationalsozialistischen Machtapparat folgte, wurde lange verdächtigt, in Teilen noch immer in dessen Tradition zu stehen.

Der 1968er Aufbruch war vorbei, der Terror der RAF hatte mit seinen Opfern auch die meisten linken Utopien getötet, und der Kanzlerschaft des Sozialdemokraten Helmut Schmidt wurde vor allem Misstrauen entgegengebracht. Dessen später gerühmter politischer Pragmatismus galt vielen als Feindbild. Man hielt sich auf Distanz zu den Symbolen staatlicher Repräsentanz und brachte stattdessen in Gestalt zahlreicher Aufmärsche der Friedens- und Anti-Atombewegung neben einer apokalyptischen Gestimmtheit auch das Grundgefühl eines fundamentalen Dagegenseins zum Ausdruck.

Das alles trug Züge eines wohligen Festivals des Protests, vor allem aber fühlte man sich vereint in einer inneren Staatsfeindschaft, die mit den Mitteln einer beachtlichen Gegenkultur zwischen Massengeschmack und Avantgarde veredelt wurde. Die Geschichte der frühen Bundesrepublik ist auch eine der langsamen Lernprozesse und der zögerlichen Aneignung eines staatlichen Selbstbewusstseins. In mancherlei Hinsicht hatte denn auch die rot-grüne Regierung zwischen 1998 und 2005 so etwas wie die Funktion einer nachholenden Versöhnung der 68er mit der staatlichen Macht. Was immer man daraus als historische Lektion ziehen mag, so enthält ein solcher Rückblick auf die mentale Entwicklung des eigenen Landes vor allem die Erkenntnis bereit, dass die Loyalität der Deutschen zu ihrem Land seit jeher ein schwieriges Kapitel ist.

Dabei ist nicht zu leugnen, dass ein Staat das gute Recht und sogar die Pflicht hat, Ansprüche an seine Bürger zu richten. Das oberste Gebot, das er immer wieder aufs Neue durchzusetzen hat, ist die Einhaltung der Rechtsnormen, und ohne die weitgehende Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols ist nun einmal kein Staat zu machen. Das verläuft keineswegs immer reibungslos, nicht selten sieht sich die Polizei als Hüter der staatlichen Ordnung in der Rolle derjenigen, die sich, manchmal robust, gegen die Interessen einzelner durchsetzen müssen.

Dabei sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass sie bei aller gebotenen Wahrung der Meinungs- und Religionsfreiheit danach verlangt, ihr Gegenüber von Angesicht zu Angesicht zu betrachten. Die vielfältigen Motive, sich zu vermummen, finden vor dem Auge des Gesetzes ein Ende – dazu braucht es nicht eigens ein Burka-Verbot, das nun viele ihrerseits wie eine Monstranz als gesellschaftliche Großlösung vor sich hertragen.

Der auffällige Drang zu Verboten bestimmt die aktuellen Debatten, die noch dadurch forciert werden, dass ungelöste politische Konflikte wie die Flüchtlingsfrage unmittelbar zu brennenden innenpolitischen Themen werden. In diesem Sinne war wohl auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zu verstehen, als sie die Türkischstämmigen, wie sie es nannte,  aufforderte, ein hohes Maß an Loyalität zu unserem Land entwickeln.

Seither ist der Loyalitätskonflikt der Bi-Nationalen in aller Munde, der bestenfalls eine unbestimmte Gefühlslage markiert und nun kurzerhand zu einem handfesten politischen Problem erklärt wurde. Das ist paradox genug, denn es ist ja genau die angesprochene Gruppe, die im Land ihrer Herkunft gerade erleben muss, dass denjenigen, die nicht zu den Günstlingen der Stunde im Erdogan-Land gehören, die staatliche Teilhabe womöglich auf Dauer entzogen wird.

So sehr ein Staat auf gemeinschaftlichen Zusammenhalt setzen muss, so wenig ist Loyalität doch eine Kategorie, die durch Appelle zu gewinnen ist. Sie lässt sich ebenso wenig verordnen wie die Begeisterung für die Nationalmannschaft oder die Lektüre von Johann Gottlieb Fichtes Reden an die deutsche Nation.

Die Loyalität zum eigenen Land ist ein flüchtiges Sehnsuchtsprodukt, eindeutige Staatsangehörigkeit garantiert da gar nichts. Für ein gelingendes Auskommen in der Gesellschaft der vielen braucht es vielmehr die Aussicht auf Zukunftschancen, freie Entfaltungsmöglichkeiten der Einzelnen, ein Gespür für kreative und soziale Reibung und das richtige Maß an gesellschaftlichem Zusammenhalt. Glücklich ist ein Land, das über die Staatsklugheit verfügt, alles mehr oder weniger zur gleichen Zeit zur Geltung kommen zu lassen.