Kaum ein Tag vergeht in Berlin ohne Stau. Und fast immer geht es um die Stadtautobahn, wenn im Verkehrsfunk vor Stockungen gewarnt wird. Jetzt will der Senat erstmals systematisch ermitteln, wo der Verkehr besonders oft zum Stillstand kommt und woran das liegt – um Möglichkeiten zur Abhilfe herauszufinden. „Das Land Berlin ist zurzeit gemeinsam mit der Verkehrsmanagementzentrale dabei, eine Stauanalyse für die Bundesautobahnen zu erstellen“, sagte Martin Pallgen, der Sprecher von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD). Die „kritischen Abschnitte mit instabilem Verkehrsfluss“ sollen genauer untersucht werden. Einen ersten neuralgischen Punkt hat der Senat mit dem Dreieck Funkturm schon im Visier.

In Berlin befinden sich einige der am stärksten belasteten Autobahnabschnitte Deutschlands. So drängen sich täglich im Durchschnitt mehr als 140.000 Kraftfahrzeuge auf der A 100 am ICC vorbei, geht aus den jüngsten Zähldaten der Bundesanstalt für Straßenwesen aus dem Jahr 2013 hervor. Etwas weiter südlich, in Halensee, sind am Tag über 156.000 Fahrzeuge unterwegs.

Dreieck Funkturm wird umgebaut

Zwar hat der Verkehr dort und auf anderen Abschnitten im Vergleich zum vorangegangenen Jahr erneut leicht abgenommen. Auf anderen Strecken in Berlin gab es zumindest keinen wesentlichen Anstieg, wie die neuen Zahlen zeigen. Trotzdem ist die Belastung vielerorts immer noch hoch, zu hoch für einige Abschnitte. So liegt die Zahl der Fahrzeuge am Autobahndreieck Funkturm, wo die Avus (A 115) auf die A 100 trifft, „deutlich über der Kapazitätsgrenze“, sagte Pallgen. „Das führt zur Stauanfälligkeit in diesem Bereich, was sich schnell auf weitere Autobahnabschnitte auswirkt.“ Hinzu kommt, dass Auf- und Abfahrten meist dicht aufeinander folgen, was zu Spurwechseln verleitet.

Zu den Staustrecken gehört auch die A 113 aus Richtung Schönefeld, berichtete die Berliner Autobahnpolizei. „Der BER ist noch nicht fertig, trotzdem gibt es dort an fast jedem Morgen Stau“, hieß es dort. „Wenn der Flughafen mal auf ist, wird es sicher noch schlimmer.“

Mit Hilfe der Stauanalyse will der Senat nun herausfinden, wo trotz aller Platzprobleme Kapazitätsreserven schlummern. „Wir wollen zum Beispiel mit Markierungen, Beschilderungen oder Verkehrsbeeinflussungsanlagen den Verkehrsfluss weniger stauanfällig gestalten“, erklärte Behördensprecher Pallgen. Klar sei allerdings auch: „Ein Ausbau des Autobahnnetzes ist in Berlin wegen der innerstädtischen Lage nur sehr beschränkt möglich.“

Doch es gebe Bereiche, wo Umbauten denkbar wären. Dazu zählt das Dreieck Funkturm. „Das Dreieck ist aus unserer Sicht ein Nadelöhr“, sagte Burkhard Horn, der die Verkehrsabteilung in der Senatsverwaltung leitet. Es gebe Rückstaus, die vor allem die Avus betreffen. Horn: „Mit dem Bund sind wir bereits in konkreten Gesprächen, wie die Leistungsfähigkeit dieses wichtigen Verkehrsknotens verbessert werden könnte.“ Der Bund habe seine grundsätzliche Finanzierungsbereitschaft bekundet, damit dieser Stauschwerpunkt entlastet werden kann. Von einem Bautermin ist allerdings noch nicht die Rede.

Auto verliert an Bedeutung

Gegen eine häufige Stauart wird die Analyse aber nichts ausrichten können: Staus als Folge von Havarien und Baustellen. So bleibt der Tempelhofer Damm am Polizeipräsidium bis Donnerstagabend stadteinwärts gesperrt – wegen eines maroden Regenwasserkanals. Probleme gibt es auch in Mitte, wo die Heidestraße neu gebaut wird.

Martin Schlegel vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) sah Staus nicht nur negativ: „Sie haben auch eine psychologische Wirkung“ – und tragen offenbar dazu bei, dass Berliner das Auto stehen lassen. Möglicherweise sei das einer der Gründe dafür, warum der Verkehr zurückgeht – obwohl die Einwohnerzahl in Berlin zunimmt.

„Die Zähldaten der Bundesanstalt für Straßenwesen sind ein spannender Indikator, den wir gemeinsam mit anderen Erkenntnissen noch bewerten müssen“, sagte Horn. „Tendenziell geht die Bedeutung des motorisierten Individualverkehrs leicht zurück.“ Das zeigte auch die jüngste Umfrage „Mobilität in Städten“, die 2013 stattfand. Die Auswertung der Technischen Universität Dresden belege, dass auch in Berlin „der Nahverkehr, der Fahrradverkehr und das Zu-Fuß-Gehen, an Bedeutung gewonnen haben“.