Am Donnerstagmorgen war es wieder mal soweit. Der Verkehrsfunk teilte mit, dass zwei Zufahrten zur Stadtautobahn gesperrt werden mussten, weil das Verkehrsaufkommen zu hoch war. An der Buschkrugallee und am Britzer Damm in Neukölln war es längere Zeit nicht möglich, stadteinwärts auf die A100 zu fahren.

Die beiden Anschlussstellen, die in den staugefährdeten Tunnel Ortsteil Britz münden, sind nicht die einzigen neuralgischen Stellen im Berliner Autobahnnetz. Immer wieder müssen Einfahrten und Tunnel gesperrt werden. Wie oft das 2018 vorgekommen ist, zeigt eine neue Statistik der Verkehrsverwaltung.

Route zum BER unterbrochen

Dichter Verkehr, Stop and Go, manchmal Stau – rund um die Uhr. „Die A100 muss ganz erhebliche Belastungen ertragen“, sagt der FDP-Verkehrspolitiker Henner Schmidt. „Im Prinzip ist der ganze Stadtring neuralgisch.“ Einige Abschnitte gehören zu den am stärksten genutzten Autobahnen in Deutschland.

Eine Stelle ist aber besonders empfindlich. Mit 1713 Metern Länge ist der Tunnel Ortsteil Britz der längste Autobahntunnel in dieser Stadt. Täglich rollen mehr als 100.000 Fahrzeuge durch die Doppelröhre, die künftig auch Teil der Strecke zum Flughafen BER sein wird. In der neuen Statistik fällt der Britzer Tunnel sofort auf. Denn im vergangenen Jahr fielen das unterirdische Bauwerk und seine Zufahrten viel häufiger aus als im Jahr zuvor. Rechnet man die Sperrung einzelner Fahrstreifen im und vor dem Tunnel dazu, wurde der Verkehr insgesamt 1083 Mal eingeschränkt. Das ist ein Anstieg ungefähr auf das Doppelte. 

So musste die Leitzentrale in 695 Fällen den Zufluss drosseln, indem sie eine Fahrspur vor dem Tunnel, eine der Zufahrten oder auch beide sperrte. 2017 war das lediglich 289 Mal nötig. Auch die Zahl der Sperrungen einzelner Fahrstreifen im Tunnel ist deutlich gestiegen – von 228 auf 328. Die Tunnelleitzentrale kann rasch Schranken und Ampeln aktivieren. Trotzdem passiert es, dass sich im Tunnel ein Stau aufbaut.

Dann kann es aus Sicherheitsgründen erforderlich werden, die betroffene Röhre komplett zu sperren. Wegen hohen Verkehrsaufkommens war das im vergangenen Jahr 27 Mal der Fall – 2017 lediglich neun Mal. 

Auch an der Zufahrt Siemensdamm ist die Zahl der Sperrungen gestiegen

Warum sehen die Autofahrer vor dem Britzer Tunnel öfter rot? 2017 war dort der Andrang nicht ganz so groß, weil im Vorfeld die Kapazität eingeschränkt war, erklärte Derk Ehlert, Sprecher der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne). „Die Baustellen auf der A113 und die Asphaltarbeiten haben in diesem Bereich 2017 den Druck herausgenommen“, sagte er.„Inzwischen liegt die Anzahl der Sperrungen wieder auf dem Niveau der Vorjahre.“ Die Lage hat sich normalisiert, Pech für die Autofahrer.

Ein weiterer neuralgischer Punkt im Berliner Autobahnnetz liegt einige Kilometer nordwestlich. Es handelt sich um die Zufahrt Siemensdamm, wo viele Fahrzeuge aus Siemensstadt und Spandau auf die A100 drängen. Auch dort ist die Zahl der Sperrungen gestiegen – von 485 auf 516.

In der Senatsstatistik spielt die Zufahrt Antonienstraße in Reinickendorf ebenfalls eine prominente Rolle. Dort sank die Zahl der Sperrungen leicht, mit 448 lag sie im vergangenen Jahr aber weiter auf hohem Niveau. Die Ampeln springen auf Rot, wenn im anschließenden Tegeler Flughafentunnel Stau droht. Der Tunnel selbst wurde im vergangenen Jahr seltener wegen hohen Verkehrsaufkommens gesperrt als 2017 – die Zahl dieser Unterbrechungen sank von 99 auf 40, so der Senat. 

FDP-Politiker Henner Schmidt fordert mehr Anstrengungen, um Pendler in die Bahn zu locken 

Nicht nur die „strikte Anwendung der Zufahrtssperren“ trugen zu diesem Rückgang bei, auch die milden Temperaturen spielten eine Rolle, erklärte Derk Ehlert. In früheren Jahren gab es im Winter südlich vom Tunnel Probleme, weil aufsteigendes Grundwasser auf der Autobahn gefror. Der Rückstau reichte in den Tunnel, Sperrungen waren die Folge.

Zwar ist die Belastung der Berliner Autobahnen in den vergangenen Jahren kaum gestiegen, wie Zähldaten der Bundesanstalt für Straßenwesen zeigen. Dennoch stoßen die wichtigsten Straßen dieser Stadt an ihre Grenzen. Das Problem sollte grundsätzlich angegangen werden, sagte Henner Schmidt. So müsse es mehr Anstrengungen geben, Pendler in die Bahn zu locken – durch bessere Zubringer und mehr Parkplätze an den Bahnhöfen. „Neubaugebiete müssen immer mit einer Nahverkehrsanbindung geplant werden“, so der FDP-Abgeordnete.

Um den Bau von Straßen komme Berlin aber nicht herum: Neue Querverbindungen im Osten könnten den Druck von der A100 nehmen – etwa die Tangentialverbindung Ost, die zwischen Marzahn und Köpenick eine Lücke im Straßennetz schließen soll.

ADAC appelliert an den Berliner Senat 

„Die Zahlen des Senats spiegeln deutlich wieder: Es hat sich in den vergangenen Jahren nichts getan“, sagte Sandra Hass vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) Berlin-Brandenburg. „Seit Jahren warnen wir vor einem Verkehrskollaps, denn das Autobahnnetz hat seine Kapazitätsgrenze längst überschritten.“

Tunnelsperrungen wegen zu hoher Verkehrsbelastung seien aus Sicherheitsgründen unvermeidbar. „Leider sind aber oft auch Umfahrungsstrecken dramatisch überlastet“ – vor allem deshalb, weil die Zahl der Baustellen steigt. „Berlin wird weiter wachsen, die Zahl der Pendler nimmt zu, der Straßenraum jedoch nicht. Dazu fehlt schlicht und ergreifend der Platz“, sagte Hass. „Deshalb appellieren wir an den Senat, auf Straßenverschmälerungen zu verzichten“ – so lange, bis der Nahverkehr ausgebaut worden ist.