Ein schöner Morgen sieht anders aus. Draußen ist es noch dunkel, Regen schlägt an die Fensterscheiben der S-Bahn. Und dann ist da auch noch diese Durchsage. „Liebe Fahrgäste, bitte beachten Sie: Zwischen Friedrichstraße und Charlottenburg besteht Ersatzverkehr mit Bussen. Bitte benutzen sie zur Umfahrung die Regionalbahn“, dringt aus den Lautsprechern im Zug. Die Laune geht weiter nach unten.

Seit Montag hören einige Zehntausend Fahrgäste pro Tag diese Durchsage. Die Stadtbahn, Ost-West-Strecke im Zentrum, ist für S-Bahnen gesperrt, weil ein neues Zugsicherungssystem in Betrieb genommen wird. Eine Testfahrt zeigt, was das für die Reisenden bedeutet.

Wer ist betroffen?

Normalerweise sind täglich rund 150.000 Menschen mit der S-Bahn auf der Strecke unterwegs. „Wer schlau ist, nutzt eine der vielen Umfahrungen – etwa den Ring. Oder er steigt gleich in die Regionalbahn“, sagt eine der S-Bahnerinnen, die auf dem Bahnhof Friedrichstraße Auskunft geben. Stammfahrgäste wüssten inzwischen, wie sie ans Ziel kommen. „Doch es gibt immer noch Berliner, die aus dem Mustopf fallen und sich ärgern. Wir sagen dann immer: Die Arbeiten sind notwendig.“

Auch viele Touristen würden „kalt erwischt“. Sie stehen mit ihren Mobiltelefonen da, auf denen Apps auf die S-Bahn verweisen – die nicht fährt. „Es gibt Apps, die können Sie wegschmeißen“, sagen die Frauen.

Gibt es Auskunft auch auf Englisch?

Nicht alle Auskunftspersonen sprechen Fremdsprachen, doch zumindest am Dienstagmorgen ist das im Bahnhof Friedrichstraße anders. Zum Zoo? „Downstairs, upstairs, take the big train“, wird einem Touristen geraten. Eine der S-Bahnerinnen erzählt: „Als Jugendliche habe ich in der DDR englische Musik gehört und die Texte übersetzt. Später gab es in meinem Dorf ein Asylbewerberheim“ – dort konnte sie ihre Kenntnisse verbessern. Die andere Frau in orangeroter Weste berichtet: „Mein Englischunterricht in der Schule war gut. Bei der S-Bahn gab es einen Kurs mit einem Engländer.“

Reichen die Informationen aus?

In S-Bahnen, die auf den gesperrten Abschnitt zufahren, weisen Durchsagen auf die Sperrung, den Schienenersatzverkehr und die Regionalbahn hin. Doch während der Testfahrt wurden die Fahrgäste ausgerechnet dann, als der Zug an der Friedrichstraße endete, alleingelassen: Der Fahrer gab keinen Mucks von sich. Durchsagen gibt es auch auf Bahnhöfen, meistens jedenfalls. Die Wegweisung wirkt dagegen oft spärlich.

So sind die Aufkleber, die im Bahnhof Friedrichstraße auf die Busse verweisen, relativ klein. Andere Infos wirken überladen – etwa die 20-seitige Broschüre, die trotz einer überbordenden Fülle von Details einen Gesamtfahrplan der Regionalzüge vermissen lässt. Nur die Zusatzzüge sind darin aufgeführt.

Wie funktioniert der Ersatzverkehr?

Vorab: Die Busse, die zwischen Friedrichstraße und Charlottenburg alle S-Bahnhöfe abklappern, sind nur für kurze Strecken gedacht. Während die S-Bahn zwölf Minuten braucht, sind sie laut Plan 37 Minuten unterwegs. Oft noch länger, weil Staus und Ampeln aufhalten. Mal geht es schneller: Dienstag früh gelang eine Tour in 28 Minuten. Der Fahrer sagte alle Haltestellen durch. Negativ: Die 29 Sitze reichten nicht.

Und der Regionalzugverkehr?

Er bietet sich für die schnelle Umfahrung der Baustelle an – in der Theorie. Doch in der Praxis gibt es Probleme. So kommen die Züge aus dem Umland morgens überfüllt an, für die S-Bahn-Kunden bleibt kaum Platz. Wie Dienstagmorgen in Charlottenburg: Der RE 7 aus Dessau, der 8.37 Uhr abfahren soll, schafft es erst um 8.45 Uhr aus dem Bahnhof heraus. Zu groß ist das Gedränge an den Türen und drinnen. In dem viel zu engen Triebzug sind selbst Stehplätze Mangelware, und Sitzplätze nicht immer attraktiv: Eine Klappsitzreihe befidet sich in einem engen Gang direkt vor der Toilette. Exemplarisch zeigt sich, dass die Kapazitäten im Regionalverkehr nicht mehr ausreichen. Um 9.07 Uhr trifft der Zug endlich am Alexanderplatz ein – mit 14 Minuten Verspätung.

Wann können die Fahrgäste aufatmen?

Am Donnerstagabend gegen 22 Uhr wird es erst einmal schlimmer. Dann wird der gesperrte Abschnitt verlängert – zwischen Friedrichstraße, Grunewald und Olympiastadion fahren keine S-Bahnen. Das soll bis Montag, 1.30 Uhr, so bleiben.

Montag früh fährt die S-Bahn wieder wie gewohnt – wenn alles klappt. Aber Achtung: Nach dem Westabschnitt wird bald der Ostabschnitt der Stadtbahn mit dem neuen Sicherungssystem ausgestattet. Im November gibt es dort die ersten Abendsperrungen.