Man soll keine Leute anstarren, dennoch kann ich den Blick nur mit Anstrengung weglenken. Mehr als einmal kehrt er zu der Dame zurück, die hinter mir an der Kasse im Rollstuhl sitzt. Als hätte er einen eigenen Willen, mein Blick, einen der stärker ist als meiner und immun gegen vor langer Zeit Gelerntes und Etikette an sich.

Es sind ihre Augen, die mich in den Bann ziehen. Milchig blau sind sie, wie komplett entrahmte Milch oder wie der Himmel an manchen Tagen. Den Himmel hält man dann kaum aus, weil er so blendet in seinem Fastnichtmehrblau, gefühlt gleich über den Bäumen anfängt und alles diffus macht. Die Augen der Frau aber saugen mich regelrecht an. Dabei sieht sie gar nicht in meine Richtung. Oder doch?

"Ich wünschte ich könnte sehen"

Ich kann es nicht sagen. Ihre Erscheinung hat etwas Entrücktes. Das weiße, dünne Haar ist sorgfältig frisiert und geföhnt und umgibt ihren Kopf wie ein zu großer Helm, so deutlich ist der Luftraum zwischen Strähnen und Kopfhaut. Sie ist sehr klein und schmal und sitzt ganz aufrecht. Sie sieht aus wie ein sehr altes Kind.

Im Schoß der Frau liegen eine Packung Toast, zwei Bananen und ein Päckchen Käse. Sie hat ihre Hände darumgelegt, als könnten die Nahrungsmittel wegspringen. Oder wie um einen Schatz, den es zu behüten gilt vor den Blicken der anderen. Wie meinem. Ich zwinge ihn Richtung Kassenband und sortiere meinen Einkauf darauf. „Ich wünschte, ich könnte sehen, was es hier alles so gibt“ sagt da die Frau in meinem Rücken, sehr leise und mit hoher Stimme, die jedoch nichts Piepsiges hat. Wieder schaue ich auf und klebe gleich wieder an ihren Augen.

Begleiterin beschreibt das Umfeld

Die Begleiterin, sehr adrett gekleidet und zurechtgemacht, erzählt ihr von den Süßigkeiten, die auf Kinderblickhöhe dargeboten werden, von den Gummitieren, den Kochheften und den Schnäpsen. Obwohl es klingt, als hätten die beiden dieses Gespräch schon sehr oft geführt, beschreibt sie die Umgebung liebevoll und detailgetreu. Ihre Hand liegt dabei auf der Schulter der Blinden.

Ich sehe jetzt beide abwechselnd an und habe alle Zurückhaltung abgelegt. Versuche, etwas Entschuldigendes in meinen Blick zu legen, weil ich so starre, und es scheint mir zu gelingen, denn die Begleiterin nickt mir mit den Augen zu. Vielleicht weiß sie um die Wirkung ihrer Freundin, oder ist es die Mutter?

Vielleicht können Blinde ein Lächeln spüren

Ich lasse den Blick schweifen und versuche mir vorzustellen, wie es wäre, das alles nicht zu sehen. Und auch den Herbst nicht und die Gesichter der Menschen, die ich liebe. Und nicht dieses Hellblau, das sich jetzt, oder täusche ich mich, direkt auf mich richtet.

Obwohl mir ganz schwer ist von meinen Gedanken und ich zugleich so berührt bin vom vertrauten Miteinander der beiden Frauen, muss ich lächeln, direkt in diese Augen. Sie lächeln zurück und nehmen die Mundwinkel mit. Vielleicht gehört das Lächeln zu den Erscheinungen, die man gar nicht unbedingt sehen muss. Die man spüren kann. Wie ein nur gedachtes letztes Winken im Rücken. Ich will das gerade glauben.