Urlaub an der Nordsee: Schafe betrachten und über Menschen nachdenken

Wie klingen Wattwürmer? Wie riecht das Meer? Unsere Autorin war im Urlaub an der Nordsee. 

Wandern im Watt.
Wandern im Watt.dpa

In der Nähe von Spielplätzen denke ich, die Augen kurz schließend, oft: Das klingt wie Freibad. Das Gewirr junger Stimmen hat für mich dieselbe Wirkung wie der Geruchsmix aus Fritteuse, Sonnenmilch und Chlor.

Zuletzt habe ich Sonnenmilch an der Nordsee gerochen. Und natürlich roch es nach Meer, je nachdem, wie sich das Wasser verhielt, frisch nach Salz oder brackig nach Watt. Wie es sich anhörte? Der Sound der Gezeiten ist vielfältig, am aufregendsten klingen sie, wenn sich der feuchte Sand in Schlamm und Pfützen verwandelt. „Hörst Du das“, fragte ich eine Freundin. Sie antwortete: „Das Wasser? Ja, es kommt.“ Jemand erklärte mir, das Wispern und Glicksen erzeugten die Wattwürmer. Doch viel schöner fand ich den Gedanken, das Wasser zu hören, wie es zurückkehrt. Ganz leise.

Ich sendete Fotos nach Hause, obwohl die Magie sich ihnen entzieht, zumal eine, die man hören und riechen kann. „Schon wieder Ebbe. Bald schicke ich Dir Bilder mit Wasser drauf“, schrieb ich dazu einem Freund. Seine Antwort ist mir im Gedächtnis geblieben: „Ich mag Ebbebilder. Sie erzählen viel mehr.“ Und ja, es erzählt viel, das Watt. In seinen Farben, je nach Licht. Und erst die Spuren, von Mensch und Tier.

Ein Sommer des Schafes

Apropos Tier. Mehr noch als ein Sommer des Wattwurms war es einer des Schafes. An vielen Tagen zogen sie ihre Bahnen über den Deich, ein schwarz-weißes Riesenvolk von berückendem Langmut. Mich beschäftigte ihr Zusammenbleiben in der Herde, in der trotzdem Raum genug ist, um für Momente eigene Wege zu gehen. Auszuscheren.

Schafen zuzusehen bei ihrem Einfachdasein, kann bedeuten, dass man plötzlich viel über Menschen nachdenkt. Über ihr Zusammenleben und und ihr Fürsichsein in einer Herde. Und das Kind freute sich daran, auf möglichst viele „Mähähäs“ zu antworten. Mit der Zeit konnte man gar nicht mehr unterscheiden, ob ein Schaf mähähäte oder das Kind.

Ich stelle mir vor, dass manche seiner Mähähäs noch über dem Deich schweben, eine Solostimme im Chor der Wattwürmer. Ein Begleittext zum Lied des Wassers, wenn es kommt. Und eine kleine Erzählung mehr, von einem Kind, das versuchte, die Sprache der Schafe zu lernen. Wie es sich im Freibad Gehör verschafft, weiß es schon lange. Und ich einmal mehr, wie man gut wieder ankommt in dieser Stadt: Man macht sich bewusst, wie viel auch sie zu erzählen hat, in den Stimmen der Kinder und überhaupt. Dann wird sie ganz sanft. Wie der Blick eines Schafes.