Mit kaum merklichen Zuckungen fing es an. Als ich das nächste Mal zu der Frau gegenüber sehe, ist das, was ihren Schultern widerfährt, bereits ein veritables Beben. Der Kopf wackelt mit. Sie presst die Lippen aufeinander. Verbirgt den Mund mit der Faust. In der anderen Hand hält sie einige Blätter Papier. Sie sieht aus, als ob sie gleich platzt.

Als ihr die Tränen in die Augen steigen, spüre auch ich ein Glucksen in mir hochblubbern. Ein brandender Lachanfall ist ja ebenso ansteckend wie hypnotisch. Deshalb muss ich wieder hinschauen. Auf ihrer Stirn schwillt eine Ader, als erste gequetschte Töne aus dem noch fest verschlossenen Mund dringen. Die Laute erinnern mich an das Meerschweinchen, das ich als Kind hatte. Wenn es hungrig war oder ich es vor lauter Liebe zu fest drückte, kam genau so ein „iiuuiink iiuuiink“ aus dem winzigen Tier wie jetzt aus den zusammengepressten Lippen der Frau. Oder kommt es aus den Ohren? Der Gedanke an lachende Ohren vergrößert den Druck in meiner Brust.

Und die Neugier, was die Frau so amüsiert. Läse sie ein Buch oder eine Zeitung, würde ich sie fragen. Vielleicht sogar, hielte sie ein Smartphone in der Hand. Hoffend, dass es sich um einen Cartoon oder eine Witzeschlacht handelt und nicht um etwas Persönliches. Aber lose Blätter... Bestimmt ein Brief. Oder ist sie Lehrerin und nutzt die Straßenbahnfahrt zum Korrigieren von Aufsätzen? Ein Schreiben vom Jobcenter wird es nicht sein.

Weinen ähnlich ansteckend wie Lachen

Um nicht als Erste loszuprusten, starre ich aus dem Fenster und versuche, draußen etwas Trauriges zu finden oder wenigstens etwas Ärgerliches. Doch wenn man mal am Straßenrand verrottende Matratzen braucht, sind keine da. Alles sieht dezembrig hübsch aus, Sternschnuppen aus vielen Lämpchen, Kinder mit lustigen Mützen, rote Wangen überall. „Iiuuiink“ quiekt es hinter den Papieren gegenüber. Mein Blick verschwimmt. Ich drücke mir ebenfalls die Fingerknöchel auf den Mund und wechsele gedanklich zu den großen, ernsten Themen unserer Zeit: Klima. Trump.

Bereits vor einigen Jahren hat ein Lachanfall in der U-Bahn die Menschen erfreut:

Denke: Rechtsruck-Wohnungsnot-Europa-Gentechnik-Brexit-Plastikmüll, da prustet die Frau los und lacht. Und lacht. Und lacht. Laut, befreit und herrlich. Ein paar Leute lachen ein bisschen mit, auch ich. Es ist köstlich wie ein Niesen, auf das man lange gewartet hat. Als sie sich mit leiser werdenden Salven die Tränen aus den Augenwinkeln wischt, reicht ihr jemand ein Taschentuch.

Das letzte Mal, als ich beobachtete, wie ein Taschentuch von fremdem Mensch zu Mensch wanderte, weinte die Empfängerin. Auch in der Straßenbahn. Es war ähnlich ansteckend. Der Kummer in den geröteten Augen und den – ebenfalls lange unterdrückten, aber schon hörbaren – Schluchzern breitete sich wie eine Öllache im Abteil aus. Alle wurden ganz still. Ob Heiterkeit oder Traurigkeit, Niesen oder Gähnen: Es lässt uns nicht kalt, wenn es andere schüttelt. Irgendwie schön. Nicht nur im Advent.