Stellen Sie sich vor, Ihr Kind hat Windpocken und das Gesundheitsamt postiert Polizei vor Ihrer Haustür, um sicherzustellen, dass Sie Ihre Wohnung nicht verlassen. Schließlich sind Sie womöglich eine Gefahr, ansteckend eben. Sie können sich das nicht vorstellen? Es geschieht aber gerade. Nicht vor einem Wohnhaus, aber vor einem Heim in Reinickendorf, in dem seit ein paar Wochen Flüchtlingsfamilien wohnen. Gegen dessen Eröffnung hatten sich besorgte Bürger ohnehin ausgesprochen, aber das nur nebenbei.

Vor zwei Wochen schon hat das Reinickendorfer Gesundheitsamt die Einrichtung unter Quarantäne gestellt, nachdem dort acht Kinder erkrankt waren. Seit Ende vergangener Woche stellt die Polizei sicher, dass die Einrichtung in Wittenau wirklich nur verlässt, wer per Bluttest bewiesen hat, dass er geimpft ist oder schon Windpocken hatte. Denn dann kann er die Krankheit nicht übertragen.

Windpocken sind in den allermeisten Fällen harmlos, aber es gibt selten auch ernsthafte Komplikationen, sogar Todesfälle. Seit zweieinhalb Monaten ist die Krankheit meldepflichtig. Trotzdem stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit einer solch weitreichenden Maßnahme. Diese haben die Berliner Amtsärzte vergangene Woche bereits eindeutig beantwortet: Quarantäne ist auch für solche Gemeinschaftseinrichtungen nicht notwendig. Doch Reinickendorf schert aus.

Trotz der berlinweiten Einigung auf eine anderslautende Regelung hatte der Bezirk sogar die Stirn, die Polizei vors Haus zu beordern. Im Namen des Volkes sozusagen. Man fragt sich, was für ein Denken hinter so etwas steckt. Soll den Flüchtlingen das Leben schwer gemacht werden? Soll ihnen klar gemacht werden, dass sie inmitten der Wittenauer Einfamilienhäuser nicht erwünscht sind?