In 30, 40 Jahren könnte es keine wilden Eisbären mehr geben.
Foto: imago images/Alex Halada

Berlin-FriedrichsfeldeIn der Straßenbahn bin ich noch nicht sicher, ob es eine gute Entscheidung war, mit dem Kind und der Oma in den Tierpark zu fahren, statt zu arbeiten. Nur weil die Sonne so lacht. Nur weil mir nach Präriehunden ist. Über die unterhielten wir uns einige Tage vorher. Da sahen wir einen Naturfilm und befanden, dass in Sachen Niedlichkeit Erdmännchen zwar unerreichbar den ersten Platz einnehmen, aber Präriehunde einen stabilen zweiten.

Wir sitzen zwischen lauter rot verschalten Fußballfans. Meine Mutter erzählt, dass das Eisbärenkind recht groß sei inzwischen und ich denke wieder einmal, dass Union zwar kein Name ist für einen Eisbären, aber mit der Tram 27 Richtung Tierpark und Alte Försterei eine Hertha zu besuchen, sich auch reichlich schräg anfühlt. Hertha wohnt in der Nähe der Präriehunde.

Nur ein einziger guckt gewitzt aus einem Erdloch. Wie er oder sie heißt, erfahren wir nicht. Ich nenne ihn spontan „Edgar“, erfahre aber dann, dass Edgar schon der Elefantenjunge heißt. Also Erwin.

Ein Film, der lehrte

Über Erwin, oben auf dem aufsteigenden Ast, sitzt ein Baumstachler. Dass es sich bei dieser Kugel um ein Tier handelt, darüber informiert eine Tafel. Wie der basketballgroße Baumstachler es schafft, sich auf dem dünnen Zweig zu halten, nicht. Vom Zweig ganz zu schweigen. Rätsel über Rätsel. Wie nennt man eigentlich weibliche Erdmännchen? Erdmännchenweibchen oder Erdweibchen?

Apropos dünn. Die Eisbären werden kommentiert gefüttert. Eine Tierparkmitarbeiterin wirft Rohkost ins Wasser und sagt, kurz vor Herthas Geburt sei Tonja so dick gewesen, dass sie kaum mehr durch die Eingänge ins Eisbärenhaus gepasst habe. Wieder muss ich an den Film denken.

Der mich nicht nur lehrte, dass Feldhamster gerne Schnittblumen essen und also häufig auf Friedhöfen anzutreffen sind. Sie mögen auch Wachs. In einer sehr lustigen Szene blieb ein Hamster mit dicken Backen im Grablicht stecken und kugelte und zerrte lang herum ehe er sich befreit hatte.

Gestaunt, gelacht, gedacht und gelernt

Die Frau am Megafon spricht auch vom Klimawandel. Es sei nicht fünf vor zwölf, sondern zehn nach, sagt sie, und dass es in 30, 40 Jahren keine wilden Eisbären mehr geben werde: „Der Drops ist gelutscht.“ Tonja isst derweil einen Apfel. Sie hält ihn mit beiden Pranken und ähnelt auf absurde Weise Erwin. Er hat drei Stunden später sein Erdloch verlassen und knabbert an irgendwas. Danach richtet er sich auf und legt seine Pfötchen so zusammen, dass es aussieht wie die Merkel-Raute.

Auf dem Rückweg stelle ich mir vor, die Kanzlerin würde eine Rede mit dem Satz „Der Drops ist gelutscht“ beenden. Denke an Edgar und die benachbarten Giraffen, deren würdevoller Gang sie zu den coolsten Tieren überhaupt macht. Und finde es zum Piepen, dass es eine Vogelart namens „Sekretär“ gibt und einen „Burma-Leierhirsch“ mit irgendwie sympathischen Ohren. Es war eine gute Entscheidung. Gestaunt und gelacht. Gedacht und gelernt. Auch zu Hause: Weibliche Erdmännchen nennt man Erdmännchen-Weibchen.