Chaos im Berliner Nahverkehr: Warum halten wir alle brav die Klappe?

Person im Gleisbett, Böschungsbrand, Polizeieinsatz: Die Ansagen der S-Bahn hören sich an, als wären wir im Ausnahmezustand. Aber keiner regt sich mehr auf.

Berliner Nahverkehr: Haben wir uns zu sehr an Störungen, Verspätungen und Zugausfälle gewöhnt?
Berliner Nahverkehr: Haben wir uns zu sehr an Störungen, Verspätungen und Zugausfälle gewöhnt?Emmanuele Contini

Was für ein Glück: Am Dienstag war der offizielle Wirf-deine-Jahresvorsätze-über-Bord-Tag. Es gibt ihn wirklich, Sie können das googeln. Er ist immer am 17. Januar, was mir allerdings recht spät erscheint. Ich habe sofort mitgemacht. Eigentlich hatte ich fest vor, mich mindestens ein halbes Jahr nicht über den öffentlichen Nahverkehr in Berlin zu beschweren. Das lag auch daran, dass die Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion wenig Interesse an den Schilderungen meiner abenteuerlichen Reisen aus dem Berliner Süden in die Stadtmitte zeigten. Verständlich, sie kehren selbst gerade erst so langsam aus dem Homeoffice in die Öffentlichkeit zurück.

Liegt es daran? Haben wir alle zu lange zu Hause am gemütlich unaufgeräumten Küchentisch gearbeitet, sodass uns jeder Gang nach draußen wie ein brutaler Stoß aus dem Nest erscheint? Und dass wir alle Unbill dort draußen stoisch und schweigend annehmen? Tatsache ist, dass ich seither wirklich fast keinen Tag störungsfrei hin- oder hergekommen bin. Natürlich weiß ich, dass jeder selbst schuld ist, der den Bus M29 nimmt. Klar, die kommen entweder gar nicht oder im Rudel, weiß man doch und läuft die Straße schon mal vor. Geradezu unheimlich aber war das Schweigen der Mitreisenden. Keiner regte sich auf oder machte auch nur eine Bemerkung. Wir sind alle Einsiedler geworden, auch wenn wir unterwegs sind.

Dabei gab die S-Bahn sich Abend für Abend Mühe, mit immer exotischeren Gründen das Zuspätkommen zu verbrämen. Personen im Gleisbett, Böschungsbrände, Polizeieinsatz – wenn man den Ansagen lauscht, könnte man glatt glauben, man warte auf die Metro in Kalkutta, die nach Zeitungsberichten eine der gefährlichsten der Welt sein soll. Aber niemand zuckte auch nur mit der Wimper.

Vor wenigen Tagen dann die leise Hoffnung, es würde wieder alles ganz normal werden. Nur eine Station sollte die S-Bahn bis zum Bahnhof Südkreuz fahren, wo es ja vielleicht einen Anschluss zur Ringbahn in den Nordosten geben könnte.

Es war zwecklos, und das in jeder Hinsicht. Der Zug, der auf dem Gleis stand, fuhr wieder in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Alle, die auf dem Bahnsteig standen, warteten auf den nächsten, der in vier Minuten kommen sollte. Er kam – und fuhr ebenfalls nicht weiter, sondern auch wieder zurück. Wieder vier Minuten warten, wieder das gleiche Spiel. Die Leute schwiegen, sahen sich an und telefonierten. Wenig später sausten Uber-Fahrzeuge vorbei und pickten die Leute auf, jeden schön einzeln. Die Übriggebliebenen sammelte später der Schienenersatzverkehr ein. Niemand sprach. 

Vielleicht liegts ja am Winter.


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