Berlin - Vor etwa einem Jahr ist es einer gut organisierten Nachbarschaft und politischen Aktivisten zum ersten Mal gelungen, in Berlin eine Zwangsräumung zu verhindern. Sympathisanten blockierten damals den Zugang zu der Wohnung einer vierköpfigen Familie in Kreuzberg. Der Gerichtsvollzieher konnte das Räumungsurteil nicht durchsetzen. Einige Monate später verlor die Familie trotzdem ihre Wohnung. Beim zweiten Versuch war die Polizei dabei.

Der Fall löste damals heftige Debatten aus. Auch, weil er die gängigen Klischees vom geldgierigen Vermieter erfüllte, der alle Rechtsmittel ausschöpft, um alteingesessene Mieter los zu werden und seine Einnahmen in die Höhe zu treiben.

Aber die Betroffenen hatten auch Fehler gemacht, gerichtlich angeordnete Nachzahlungen zu spät beglichen. Auch das gehört zu den Negativ-Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt: Wer sich gegen Schikanen seines Vermieters zur Wehr setzen will, kommt ohne exzellente Rechtsberatung nicht mehr aus.

Seit dem ersten Blockade-Erfolg hat das Bündnis „Zwangsräumung verhindern“ mit zahlreichen Aktionen auf die dramatische Lage von Menschen aufmerksam gemacht, die meist wegen finanzieller Nöte ihren letzten Rückzugsraum, ihre Wohnung, verlieren. Das ist ein Verdienst.

Oft jedoch handelte es sich um komplizierte Einzelschicksale wie im Fall der nach einer Räumung in Reinickendorf verstorbenen Rosemarie F., die mit der angelegten schwarz-weiß-Schablone, hier der arme Mieter, dort der böse Vermieter, nicht zu fassen sind. Der Sturm auf sechs Wohnungsbaugesellschaften am Mittwoch und die Forderung nach generellem Verzicht auf Zwangsräumungen verstärkt den Eindruck noch, dass das Bündnis reale Probleme für populistischen, politischen Aktivismus missbraucht.