Wenn die Schule anruft, bedeutet das in der Regel, dass das Kind Kopfweh oder Bauchweh hat und dass man es abholen muss.
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BerlinDas Telefon klingelt. „Sekretariat Schule“ steht auf dem Display. Die ruhige Hand, mit der ich den Anruf entgegen nehme, verrät: Wiederholung macht gelassen. Die größte Herausforderung wird sein, die ursprünglichen Pläne für den Tag umzuverteilen.

Denn wenn die Schule anruft, bedeutet das in der Regel, dass das Kind Kopfweh oder Bauchweh hat und dass man es abholen muss. Es liegt dann blass und irgendwie kleiner als sonst auf der Liege im Sekretariat und wenn es nicht total geschwächt ist, leuchten die Augen kurz, wenn man den Raum betritt.

Meist ist die Ruhe im Kopf direkt da

Der Ablauf danach ist zu diesen Zeiten, da das eine Kind schon auf mich runtergucken kann und das andere gefühlt auch in wenigen Tagen, immer derselbe und verläuft ebenfalls mit ruhiger Hand und meistens auch mit Ruhe im Kopf.

Ich muss jetzt sofort Pause machen, kontrazyklisch, ungeplant. Tee kochen und Bauch streicheln statt schreiben und lesen. Und bestenfalls diesen besonderen Frieden genießen, den das Sichkümmern erzeugt. Das gelingt nicht immer, aber wenn es gelingt, sind diese Tage, an denen die Schule anruft, im Rückblick sehr besonders. Im Rückblick heißt: Wenn der Arbeitsalltag mit all seinem Stimmengewirr und seiner Bewegung wieder den Takt vorgibt.

Wenn es doch einmal mehr als Kopfweh ist

Ich denke an den Tag, als das erste Mal die Schule anrief, vor vielen Jahren. Das Herz stolperte schon, als ich die Stimme der Sekretärin vernahm. So sehr sie sich bemühte, keine Panik aufkommen zu lassen, ich hörte nur „Unfall“ – das „klein“ überhörte ich – und „Wand“ und „Kopf“ und „Krankenhaus“. Aus dem Stolpern wurde ein Rasen.

Der Taxifahrer merkte sofort, dass ich ein einziges Stressbündel war und drückte derart auf die Tube, dass ich ihn bat, etwas langsamer zu fahren. Weil ja keinem geholfen wäre, wenn wir jetzt auch noch einen Unfall bauen. Die ganze Fahrt nach Tempelhof plauderte er mit eigenen Loch-im-Kopf-Erlebnissen und Anrufen aus der Schule auf mich ein.

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Überall Kümmerer

Wenn ich heute an diese Fahrt denke, möchte ich ihn umarmen. Weil er die gefühlte Ewigkeit in den verstopften Straßen genauso vertrieb wie die Stimme im Kopf: „Das Kind ist verletzt und du bist nicht da.“ Auch die Erzieherin, die damals bis zu meiner Ankunft die Hand hielt, würde ich gerne umarmen und auch die Krankenschwester. Denn als ich den Raum betrat, in dem man das Loch im Kinderkopf zugeklebt hatte, grinste das Kind schon und machte Faxen. Das Telefon klingelte, die Schwester ging dran und das Kind sagte: „Typisch Frauen, immer am Telefon.“

Zurück fuhren wir auf Wunsch des Patienten, der unaufhörlich von der Fahrt im Krankenwagen quasselte, mit der Bahn. Von diesem Laber-Flash und dem Geschäker mit der Krankenschwester erzählen wir heute noch oft und müssen lachen. Auch der Tag nach dem ersten Anruf der Schule war rückblickend ein sehr besonderer. Zu wissen, dass überall Leute sind, die sich kümmern, während man noch unterwegs ist, auch das macht gelassen.