Früher war nicht alles besser. Aber manches einfacher. Partys zum Beispiel. Nie wäre ich allein zu einer Party gegangen. Man ging mit einer Freundin. Mit dem aktuellen Freund. Oder gleich im Rudel. Es kannten sich ja eh alle. Heute, mit Mitte vierzig, ist der Freundes-Bekannten-Kollegen-Kreis verzweigter. Gleicht eher einer Baumkrone als einem Kreis. In der Mitte kennen sich noch viele untereinander. Am Rand wachsen hier und da neue kleine Kreise. Und mit ihnen die Wahrscheinlichkeit, dass man zu einer Party eingeladen ist und nur den Gastgeber kennt. Kein Grund, umzukehren, bevor man die Klingel drückt. Aber doch einer, um noch einmal tief einzuatmen.

Die wenigsten Wohnungen haben eine Bar - ein Bücherregal aber schon 

Denn es ist doch so: Es gibt Menschen, die einen Raum betreten und binnen 15 Minuten überall mitmischen. Aber die meisten – oder irre ich? – kleben sich doch erst einmal an den Gastgeber oder ans Buffet, wenn sie niemanden kennen. Aber an beidem, Gastgeber wie Buffet, haben andere auch Interesse. Und ewig essen geht ja eh nicht. Trinken kann man schon eher solange, bis einen der Zufall oder ein mitgehörter Satz in eines der Grüppchen schubst, die sich über Wohnzimmer, Flur und Küche, vor allem Küche, verteilen. Aber auch zum Trinken braucht man einen Ort.

Über eine Bar, an die man sich betont locker lehnen könnte, verfügen die wenigsten Wohnungen. Jedenfalls in den Kreisen, in denen ich eingeladen bin. An die Wand drücken will ich mich nicht. Wenn man das tut, stehen die Worte „schüchtern“ und „sucht Anschluss“ wie Leuchtbuchstaben über einem. Das Sofa ist besetzt. Auch legt man sich so fest, wenn man sich niederlässt. Mag sein, dass man dem Glück einen Stuhl hinstellen soll, wenn es kommt. Der Zufall, das spontane Gespräch, die plötzliche Erkenntnis, dass man sich zwar nicht kennt, aber dasselbe Instrument spielt oder zum selben Friseur geht, all diese Helfer auf einer Party voller Fremder, sie setzen sich nicht hin. Sie sehen einen nicht mal, wenn man sitzt.

Bücher helfen in vielen Lebenslagen - manchmal auch auf Partys 

Das große Glück in solchen ersten halben oder ganzen Stunden sind Bücherregale. Den Blick über die Rücken und Titel schickend, ist man beschäftigt und zugleich ansprechbar. Im Raum statt am Rand und dennoch nicht verloren. Und flugs nicht mehr allein. Denn natürlich kennt nicht jeder jemanden, das wirkt immer nur so, und plötzlich steht man da zu zweit. Der Rest ist schnell erzählt.

Das große Pech in solchen ersten halben oder ganzen Stunden sind Wohnungen ohne Bücher. Plattensammlungen bieten keinen Ersatz. Zu schmale Rücken. Rausziehen gehört sich nicht. Das Gleiche gilt für E-Reader. Den macht man wegen der Etikette nicht an und außerdem geht man ja nicht auf eine Party, um auf einen Bildschirm zu schauen.

Als ich schon etliche neue Namen kenne und Gespräche geführt habe, werfe ich der Bücherwand einen dankbaren Blick zu. Die papiernen Freunde mögen manchmal eine Last sein. Sie sind sie aber auch ein Ankerplatz. Nicht nur auf Partys. Sondern in so vielen Lebenslagen. Das war früher so. Und so wird es immer sein.