Völlig zu Recht hat sich die Öffentlichkeit empört über die Politaktivisten, die am Reichstag Kreuze zum Gedenken an Mauertote abgeschraubt und diese an die EU-Außengrenze verschickt haben, um auf das Schicksal der dort ausharrenden Flüchtlinge hinzuweisen. Pietätlos ist diese Art des Gedenkens. Dass es besser geht, zeigt ein kleiner Überblick über die inoffiziellen Gedenkveranstaltungen am Sonntag.

Ein großes Kaufhaus beispielsweise baut die Mauer wieder auf, wenn auch nur auf einer Länge von zehn Metern. Außerdem haben sich die Initiatoren bei der Materialwahl für feinstes Marzipan statt für Betonelemente entschieden. Stück für Stück können die Konsumenten dem Kaufhaus die Marzipan-Mauer abkaufen, der Erlös wird für einen guten Zweck gestiftet. Auf diese Idee hätte Ulbricht seinerzeit kommen sollen, dann wäre die Mauer von der ersten Stunde an ein Sympathieträger gewesen, er hätte sie bloß jeden Tag neu aufbauen müssen.

Wer es besinnlicher mag, kann ins Märkische Viertel fahren. Dort werden im Rahmen der Performance „Da ist Gras drüber gewachsen“ auf einer Wiese am ehemaligen Mauerstreifen schwarze und weiße Schafe grasen. Ob die schwarzen Schafe die Ost- oder die Westdeutschen verkörpern, war vorab nicht in Erfahrung zu bringen.

Starke Gefühle wird aber auch die Aktion einer Versicherung wecken. Am Sonntag, Punkt 18.57 Uhr, lässt sie an einer Ost-Berliner Tankstelle die Preise auf das Niveau von 1989 fallen. Aus der Pressemitteilung: „Es werden sich lange Autoschlangen bilden und für diesen Moment müssen sich die Autofahrer einmal keine Gedanken über den Benzinpreis machen.“ Fast wie damals, am 9. November 1989, als die Menschen auch an alles Mögliche dachten und darüber sogar den Benzinpreis vergaßen. Wenn auch nur für einen historisch kurzen Moment.