Berlin - Da bereitet ein Lehrer – zufällig ein Angestellter, kein Beamter – seine Schüler über zwei Jahre hinweg auf das Abitur vor. Erinnert daran, dass dies der wichtigste Tag in ihrem Schulleben sein wird, dass das Ergebnis zumindest das weitere Leben mitbestimmen wird. Appelliert an die Vernunft, super vorbereitet in die Prüfung zu gehen. Und dann kommt der Lehrer selber nicht zu der Prüfung. Weil er streikt, ausgerechnet an dem großen Tag. „Skandal!“ Dabei verdient er doch schon 4500 Euro Brutto im ersten Jahr. „Skandaaaal!“

Dieses Szenario wird nach Lage der Dinge am nächsten Dienstag Realität werden. Dann stehen eine zentrale Abiklausur und MSA-Prüfungen an. Und an diesem Tag sind die rund 9000 angestellten Lehrer zu einem Warnstreik aufgerufen. In der Woche vom 13. bis 17. Mai ist eine ganze Streikwoche geplant. Da wird es sogar dazu kommen, dass wegen des Streiks mündliche Prüfungen verlegt werden müssen.

Das ist aber kein Grund, „Skandal“ zu schreien. Erstens wird wohl kein Prüfling Schaden nehmen durch den Streik. Zumindest am ersten Tag wird er vielleicht nicht einmal registrieren, dass die Aufsicht über seine Klausur nicht sein (angestellter) Kurslehrer hat, sondern dessen (verbeamteter) Kollege.

Maximal könnte er seinem Lehrer (durchaus berechtigt) vorwerfen, er habe sich durch seine Abwesenheit unsolidarisch verhalten. Zweitens: Dieser Streik ist der Preis für eine politisch richtige und sicher auch mehrheitlich unterstützte Entscheidung, die da lautet: Lehrer sollen keine Beamte sein, sondern Angestellte.

Diese sind auf lange Sicht gesehen für die Gesellschaft günstiger. Da muss es dieselbe Gesellschaft aushalten, wenn die Betroffenen gegen die Ungleichbehandlung im Lehrerzimmer protestieren und auch streiken. Angestellte Lehrer verdienen nach 40 Dienstjahren insgesamt 100.000 Euro weniger als die Beamten, so die Gewerkschaft GEW. Dass sie sich dagegen wehren ist ihr gutes Recht als Angestellte – es sollte aber kein Grund für den Senat sein, dem sofort nachzugeben.

Im Übrigen ist so ein Streik perfekt für den Politik-Unterricht geeignet. Noch wirklichkeitsnäher geht’s kaum.