In den schallisolierten Kellerräumen nimmt Alex Samuels mit seinen Bandkollegen gerade sein zweites Album auf. Eine Etage über ihm stehen dicke Pinsel und Ölfarben, anderswo liegen zarte Zeichnungen:

Knapp fünfzig Künstler haben eine ehemalige Postfiliale in Friedrichshain in das Ateliergebäude Postberlin verwandelt – einige machen elektronische Musik wie Samuels, andere zeichnen oder machen Skulpturen. Schon seit 2003. Doch damit wird es bald vorbei sein. Dort, wo nun noch Ateliers sind, sollen Start-ups einziehen. Inzwischen hat das Packen begonnen, die Ersten haben das Ateliergebäude schon verlassen.

Die Künstler sollen raus

Bis Ende August sollen die Künstler das Gebäude räumen. Nachdem es komplett saniert wurde, will der Start-up-Campus Factory dort einziehen. Benannt ist die Factory ausgerechnet nach dem gleichnamigen Atelier des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol. In dem früheren Postgebäude und dem angrenzenden Turm, der vorher der Telekom gehörte, sollen dann Start-ups sitzen. „Das bedroht unsere Existenz“, sagt Samuels. „In der Stadt sind solche Räume kaum noch zu bekommen.“ Vier bis sechs Euro pro Quadratmeter zahlen die Künstler derzeit Miete. Nach dem Umbau rechnen die Künstler mit 18 Euro pro Quadratmeter. Für sie vollkommen unbezahlbar.

Es ist ein brisanter Vorgang. Denn die Start-ups verweisen nur zu gerne auf die pulsierende Kunst- und Club-Szene Berlins, wenn es darum geht, Mitarbeiter für Berlin zu gewinnen. Dass es leicht ist, stark umworbene Tech-Talente für Berlin zu begeistern, ist eine der Hauptgründe, wieso sich in Berlin ein regelrechter Boom der neuen Tech-Unternehmen entwickelt hat. Umso zynischer scheint die neue Entwicklung: Das Berghain zieht die neuen Mitarbeiter in die Stadt – während Künstler wie Samuels, die dort auftreten, sie verlassen müssen.

Niemand will verdrängen

Auch bei der Factory ist man sich der Brisanz dieser Situation bewusst. Philipp Merlin Scharff, operativer Geschäftsführer der Factory Berlin, sagt, auch die Factory wolle eine Verdrängung der Künstler verhindern. Man habe zunächst gar nichts von den Künstlern gewusst, da die Kündigung nicht von der Factory als Betreibergesellschaft ausgesprochen wurde, sondern von einem verbandelten Immobilienunternehmen. Inzwischen beteilige sich die Factory intensiv daran, eine Lösung zu finden. „Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht als wie Gentrifizierung sonst abläuft. “

Seit einigen Monaten trifft sich Factory-Manager Scharff mit Künstler-Vertretern und Florian Schmidt, dem Atelierbeauftragten der Stadt Berlin. Diskutiert wird der Vorschlag, dass auf dem Dach des Postgebäudes noch ein Aufbau entsteht, in dem die Künstler dann Platz finden werden. So würde es Raum für Künstler und Start-ups geben. Ob das bautechnisch möglich ist, wird nun geprüft. Die Künstler müssten zwar zunächst ausziehen – doch sie könnten nach der Fertigstellung des Umbaus wieder in das Gebäude zurück.

Das Geld müsste von der Stadt kommen

Klar ist: Das Geld für den Aufbau müsste wohl von der Stadt Berlin kommen. Florian Schmidt erwartet, dass ein neues Programm aufgelegt wird, um den Aufbau in der Palisadenstraße und ähnliche Projekte zumindest teilweise zu finanzieren. Auch Tim Renner, Berlins Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten, hat die Bereitschaft des Landes signalisiert, solche Neubauten zu finanzieren, um Künstler in der Stadt zu halten. Es sei Ziel der Stadt zu verhindern, dass Kunst – wie in anderen Metropolen – nur noch in der Peripherie stattfinde.

Doch geht die Entwicklung ungebremst so weiter, dürfte es angesichts der steigenden Immobilienpreise nur eine Frage der Zeit sein, bis Ateliers aus Berlins zentralen Lagen verdrängt sind. Der Atelierbeauftragte Schmidt sagt: „Wir verlieren im Jahr ungefähr 350 Ateliers.“ Die Allianz bedrohter Atelierhäuser rechnet vor, dass zuletzt fünf Atelierstandorte von privaten Eigentümern geschlossen wurden.

Schmidt hofft, dass das Ateliergebäude in der Palisadenstraße für eine andere Entwicklung stehen könnte. „In London und in Paris ist die freie Szene schon verdrängt, hier haben wir noch ein ganzes Ökosystem mit rund 2500 einigermaßen bezahlbaren Ateliers.“ Es sei viel einfacher, das zu erhalten – als hinterher mit hohen Subventionen einzelne Künstler wieder anzusiedeln wie es teils in London geschehe.

Schmidt hofft, dass eine Einigung in der Palisadenstraße zum Modell werden könnte: „Wieso sollte man das künftig nicht auch umdrehen?“, fragt er. „Wenn Start-ups und Technologieunternehmen künftig ein großes Areal entwickeln – wieso sollten sie nicht auch Kunst mit ansiedeln, auch wenn vorher noch keine da war?“ Angesichts der Bedeutung der Kunst für das Image der Stadt könne niemand daran zweifeln, dass sich das lohne: Nicht nur gesellschaftlich, sondern auch rein ökonomisch.