Bleibt die Zuwanderung mit 48.000 Neuberlinern so hoch wie im vergangenen Jahr, dann wird die Hauptstadt noch vor dem Jahr 2030 eine Vier-Millionen-Metropole sein. Davon geht der Senat aus. Wegen des rasanten Tempos, mit dem die Stadt wächst, hat die Landesregierung jetzt ihre erst 2014 beschlossene Berlin-Strategie für die nächsten 15 Jahre aktualisiert. „Wir wollen das Wachstum aktiv lenken, es sozial und solidarisch gestalten“, sagte am Montag Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD). Er stellte am Abend im Stadtforum die Berlin-Strategie 2.0 vor, sie ist ein Leitbild, wie sich die Stadt verändern wird.

Attraktive Stadtplätze

Der Kern: Weil Berlin so stark wächst, werden dringend benötigte Wohnungen gebaut. Laut Geisel sollen es jedes Jahr bis zu 20.000 sein. Dabei wird die Innenstadt verdichtet, am Stadtrand entstehen etwa in Lichterfelde-Süd, in Tegel oder auf den Buckower Feldern zwölf neue Stadtquartiere mit je 5000 Wohnungen. In deren Zentren sind attraktive Stadtplätze vorgesehen, umgeben von vier- bis siebengeschossigen Häusern. In den Erdgeschossen gibt es Läden, aber auch Flächen für Handwerker und Start-up-Unternehmen. „Das Gewerbe ist nicht laut, es gibt nur das Klappern der Notebooks“, sagt Geisel. Die Trennung zwischen Wohnen und Gewerbe werde aufgehoben. Das ist neu in der Strategie.

Auch bestehende Industrie- und Gewerbeflächen will der Senat sichern sowie neue etwa in Adlershof, rings um den Euref-Campus am Südkreuz sowie im Cleantech Business Park in Marzahn entwickeln. Das Ziel sind neue Arbeitsplätze. „Es gibt eine Konkurrenz um Flächen in der Stadt. Wir werden die bestehenden Gewerbeareale vor den herannahenden Wohngebieten schützen“, so der Senator.

Beatrice Kramm, die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK), mahnt an, dass die Stadt zusammenhängende Flächen für die Produktion benötigt, wo es 24 Stunden laut sein darf, sieben Tage in der Woche. „Wir brauchen Kreativität im Bereich Arbeiten und Wohnen. Berlin ist erfolgreich, weil wir Brüche und Nischen zum Experimentieren zulassen“, sagt sie. Digital sei die Infrastruktur und die Berliner Verwaltung jedoch noch nicht auf dem erforderlichen Stand. Große Hoffnungen setzen Senat und IHK auf die Entwicklung in Tegel, wenn der Flughafen geschlossen ist. Der Terminalbereich soll zu einem Forschungs- und Industriepark für Zukunftstechnologien mit 1000 Firmen umgebaut werden. Auch die Beuth-Hochschule siedelt sich an.

Neue Sozialwohnungen in der Innenstadt

Um die soziale Mischung zu erhalten, will der Senat in der Innenstadt neue Sozialwohnungen errichten. Wie Geisel sagt, solle verhindert werden, dass finanzschwache Berliner in die Außenbezirke verdrängt werden und dort wie in Paris Banlieues entstehen und zu sozialen Brennpunkten werden.

Auch die Integration von Ausländern soll besser gelingen. Geisels Idee ist eine Willkommensstadt, auch Arrival City genannt. „Von Berlin geht ein Freiheitsversprechen aus. Diesem Versprechen folgen jährlich Zehntausende Menschen.“ Bestehende Quartiere wie Wedding, Neukölln und Kreuzberg, in denen viele Migranten leben, sollen zu einer Art Ankunftsort werden, weil sie über soziale und religiöse Netzwerke sowie Kultureinrichtungen verfügen. „Der Soldiner Kiez ist schon jetzt eine Integrationsmaschine“, so Geisel.

Neuankömmlinge nutzen die ersten zwei, drei Jahre, um deutsch zu lernen, sich zu qualifizieren und sich auf Jobsuche zu begeben. Mit der Berlin-Strategie bestehe nun ein Rahmen, „um der Stadt und ihren Bewohnern ein sozial ausgewogenes, wirtschaftliches und kulturelles Wachstum zu ermöglichen“, so Geisel.