Es hat schon bessere Zeiten gegeben für alternative Stadtentwicklungsprojekte in Berlin. Die Mieten steigen, in der Innenstadt wird der Platz knapp – und nun ist Berlins Baugruppen, Stadtgärtnern und Hausprojekten auch noch ihr Verbündeter in der Politik abhandengekommen. Vorige Woche teilte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) mit, er trenne sich von Baustaatssekretär Ephraim Gothe.

Am Dienstag nun luden Vertreter von Initiativen wie den Prinzessinnengärten, Think Berlin und dem Mietshaus Syndikat zu einem Pressegespräch ins Weddinger Rotaprint-Haus, um Forderungen an Gothes Nachfolger Engelbert Lütke Daldrup (SPD) zu formulieren. Für Gothe gab es nur lobende Worte, und jeder Satz war natürlich eine Mahnung an Lütke Daldrup, der ebenfalls an dem Gespräch teilnahm. „Es gibt wenige Politiker in Berlin, die auf uns zugehen, die wissen wollen, was man macht und was man denkt“, sagte Mathias Heyden von Haben und Brauchen, einer Initiative der freien Kunstszene. „Wir brauchen einen Partner, der uns nicht nur ernst nimmt, sondern auch Räume zur Verfügung stellt“, sagte Marco Clausen von den Prinzessinnengärten.

Der Veranstaltungsort, das Rotaprint-Haus, ist eines der besten Beispiele für Stadtentwicklung von unten. Die Nutzer sanierten das avantgardistische Industriegebäude selbst. Inzwischen ist es ein Vorzeigeprojekt, mit Unternehmen und Kulturräumen. Dafür brauchte es Bankkredite, viel Herzblut – und eine wohlwollende Verwaltung.

Auch wenn sich in Berlin inzwischen Investoren tummeln und Immobilien teurer werden, seien solche Projekte noch möglich, davon waren die Vertreter der Initiativen überzeugt. Sie stellen zwei konkrete Forderungen: dass der Senat seine neue Liegenschaftspolitik umsetzt und Grundstücke und Gebäude aus öffentlichem Besitz nicht an den Höchstbietenden verkauft, sondern an die Interessenten mit dem besten Konzept. Zudem sollten Flächen zukünftig in Erbpacht vergeben werden, damit weniger finanzkräftige Nutzer zum Zuge kommen.

Lütke Daldrup, der nächste Woche sein Amt antritt, sagte: „Ich bin dialogbereit.“ Die Verwaltung könne die Entwicklung der Stadt nicht allein gestalten. Vom Senator hat der 57-jährige Stadtplaner einen klaren Auftrag: Er soll den Wohnungsbau voranbringen, dabei war Gothe zu langsam.

Allerdings hat Lütke Daldrup auch Erfahrungen mit alternativer Stadtentwicklung. Zehn Jahre lang war er Baustadtrat in Leipzig, vergab dort leerstehende Häuser und Brachen an Zwischennutzer. Daldrup ist auch Mitverfasser der „Leipzig Charta“ für eine neue Stadtpolitik. Darin steht: „Die Städte gehören weder den Politikern und Verwaltungen noch den Investoren.“ Berlins Initiativen können also hoffen.