Jana Richter, 38, ist Architektin und Stadtplanerin mit Schwerpunkt Tourismus sowie Mitglied der Initiative Think Berlin. Die Mutter einer Tochter wohnt in Prenzlauer Berg. Sie hat eine klare Meinung zu stadtverträglichem Tourismus:

So viel vorweg: Stadttourismus ist eine weltweite Entwicklung. Die Leute fahren in Städte, weil sie neugierig auf andere Kulturen sind. Das ist schon mal positiv. Und auch in den Städten selbst sind die Folgen nicht nur negativ, auch wenn es oft so klingt. Berlin ist als Kulturstadt enorm attraktiv und profitiert auch vom Tourismus. Und damit meine ich nicht nur die Finanzverwaltung, die mehr Steuern einnimmt, je mehr Gäste die Stadt besuchen. Und auch nicht nur Hotels, Gastronomie oder die Club-Szene. Sondern ich meine die Bewohner der Stadt, die sich mit den Touristen in den vielfältigen Cafés, Clubs und Kulturveranstaltungen vergnügen. Alle profitieren.

Und doch gibt es natürlich auch Probleme. Die entstehen immer da, wo Touristen massiv die Stadtteile verändern und sich die Bevölkerung bedroht fühlt. Dort, wo von Touristen überlaufene Räume für die Bewohner zu einer Plage werden. Wie zum Beispiel der Mauerpark. Oder der Checkpoint Charlie. Allerdings gibt es Städte, die deutlich stärker betroffen sind als Berlin, weil sie viel dichter bebaut sind oder ein kleineres Stadtzentrum haben. Den Spruch „Tourism Is Terrorism“ gab es zum Beispiel in Barcelona schon vor zehn Jahren. In Berlin steckt dagegen vieles noch in den Anfängen, auch als Folge der Teilung. Berlin hat einen Sonderstatus. Die touristische Entwicklung ist nicht abgeschlossen. Wir haben die Chance, den Tourismus positiv für die Stadtentwicklung einzusetzen.

Und es gibt ja auch gute Beispiele – etwa die Mauergedenkstätte Bernauer Straße. Dort ist zwar lange nicht alles perfekt, weil es sicher besser gewesen wäre, den Postenweg der Grenzsoldaten bis zum Mauerpark freizuhalten. Aber auch so funktioniert die Bernauer gut. Es gibt einen neuen interessanten Ort für alle, und es ist ausreichend Platz da. Ganz wichtig ist nämlich, dass man den Gästen etwas bietet. Besucher nutzen den Stadtraum und die Parks nun einmal intensiver als Berliner. Sie laufen auch viel länger durch den öffentlichen Raum, nutzen an den paar Tagen, an denen sie da sind, die Verkehrsmittel viel intensiver. Das erzeugt Spannung.

Problem mit privaten Ferienwohnungen

Für die Zukunft Berlins ist deswegen wichtig: Man muss Tourismus räumlich planen, die Stadt muss eingreifen und darf nicht alles sich selbst überlassen. Manches geschieht ja auch schon: Die City-Tax ist auf dem Weg, mit der man Geld von den Besuchern einsammelt. Dann sollte das Geld aber auch tatsächlich den Straßen und Parks und der Kultur zukommen, wie es ursprünglich geplant war. Denn diese Dinge sind der Grund dafür, dass so viele Leute kommen.

Neu ist da auch die Zweckentfremdungsverbotsverordnung, mit der man gegen wilde Ferienwohnungen vorgehen will. Da zeigt sich aber auch ein Problem der bisherigen Planung: Wir wissen überhaupt nicht, wie viele solcher Wohnungen die Stadt verträgt. Wir wissen ja nicht einmal, wie viele Ferienwohnungen es tatsächlich gibt. Leider haben wir hier und in vielen anderen Bereichen noch viel zu wenig Grundlagen. Das liegt in meinen Augen auch daran, dass Tourismus bisher hauptsächlich als Wirtschaftsfaktor gesehen wurde. Da bräuchte es eine verwaltungsübergreifende Koordinierungsstelle, die das alltägliche Leben in Berlin mit dem Tourismus regelt.

Neue Ziele für Touristen erschließen

Wenn wir so eine Stelle hätten, könnte sie steuern und lenken. Warum nicht neue Wege attraktiv machen, Verbindungen zwischen zwei Zielen oder in einen benachbarten Kiez schaffen, in den sich sonst kaum jemand verirrt? Zum Beispiel das Jüdische Museum in der Lindenstraße in Kreuzberg: Fast alle Touristen kommen bisher von Norden, von Mitte, zu dem Museum. Einfach weil auf diesem Weg etwas zu sehen ist. Und sie gehen danach auch den selben Weg nach Mitte zurück. Also müsste man, um einzugreifen, die Lindenstraße nach Süden zum Landwehrkanal und den Bergmannkiez hin attraktiver machen. Das würde die Gebiete im Norden entlasten, in denen jetzt viel los ist. Dafür braucht es aber im Süden einen qualitativen Stadtraum, etwa mit Bänken oder Informationstafeln, die ein lohnendes Ziel sind.

Doch man sollte nicht nur Lücken schließen, sondern auch neugierig machen auf ganz neue Ziele außerhalb der touristischen Mitte. Warum nicht zum Beispiel in Neukölln die Hermannstraße und die Sonnenallee als Attraktionen für ethnischen Tourismus vermarkten? Oder das Dong Xuan Center in Lichtenberg? Touristen finden solche Orte spannend. Ein gutes Beispiel sind da die Unesco-Weltkulturerbe-Siedlungen. Das sind ja immerhin sechs Gebiete in den Berliner Außenbezirken, zum Teil kilometerweit voneinander entfernt, von Treptow über Britz, Prenzlauer Berg, Wedding und Reinickendorf bis Siemensstadt. Aber für architekturbegeisterte Berlin-Besucher – und davon gibt es eine ganze Menge – sind sie hochinteressant. Für die Siedlungen der Berliner Moderne hat die Stadt schon ein touristisches Konzept und ein Leitsystem entwickelt. Das muss man verstärken. Es soll zum Beispiel auch einen Radweg der Moderne geben. Den muss ja niemand von Anfang bis Ende komplett fahren. Aber es ist ein neues Angebot.

Notwendig ist es auch, das Radwegenetz insgesamt zu verbessern. Es ist zwar jetzt – genau wie der öffentliche Nahverkehr – schon so gut, dass nur wenige Besucher mit eigenen Autos kommen, es geht aber noch besser. Es gibt die wachsende Gruppe von Radtouristen, die sich mit dem Fahrrad das grüne Berlin erschließen wollen. Die brauchen noch bessere Bedingungen. Meine Zukunftsvision ist ein barrierefreies Radwegenetz durch die ganze Stadt, immer mal aufgelockert durch Anfahrpunkte und Servicestationen. Von solchen Radwegen hätten auch die Berliner etwas, vielleicht sogar so breit, dass man die langsamen Touristen überholen kann.

Aufgezeichnet von Elmar Schütze.

In unserer Reihe „Die Zukunft der Stadt. Was braucht Berlin?“ machen wir uns Gedanken über die Entwicklung der Metropole. Anlass ist die Wahl des neuen Regierenden Bürgermeisters im Dezember.