Stadtentwicklungs-Berater Aljoscha Hofmann: „Berlin ist eine der lebenswertesten Städte weltweit“

Er gehört zur Initiative Think Berlin, einer modernen Denkfabrik, die die Debatte über die Stadtentwicklung in Berlin voran treibt: Der 34-jährige Aljoscha Hofmann. Er arbeitet als stadtentwicklungspolitischer Berater und betreibt nebenher mit einem Geschäftspartner eine Bar in Moabit.

Herr Hofmann, wie sind Sie dazu gekommen, eine Bar zu eröffnen?

Ich mag den Tresen. Ich mag die Atmosphäre. Ich finde es sehr spannend, am Tresen verschiedene Menschen beobachten und kennenlernen zu können. Architektur versucht ja, baulich Orte zu kreieren, an denen Menschen sich wohlfühlen. Dieser Wunsch trägt sich bei mir in die Bar. Für mich sind Lokale sogenannte Third-Places, es sind dritte Orte, nicht das Zuhause, nicht die Arbeit. Es ist irgendwas dazwischen. Zuhause wartet der Haushalt, auf der Arbeit wartet die Arbeit, in der Bar wartet nur der Service – und hoffentlich ein angenehmes Gespräch und gute Musik.

Wie lässt es sich vereinbaren, eine Bar zu haben und stadtentwicklungspolitischer Berater zu sein?

Sie sehen ja, ich habe es auch zu unserem Gespräch um 9.30 Uhr geschafft. Die Arbeitszeiten wirken konfliktär, sie sind es aber nicht. Schon vor der Bar bin ich kaum vor zwei Uhr nachts ins Bett gegangen. Zudem bin ich hauptsächlich hinter den Kulissen tätig, mache Einkäufe und den Papierkram.

Kommen wir mal zur Stadt. Leben Sie gerne hier?

Ja, ich bin Berliner, fühle mich als Berliner und obwohl ich in anderen Städten war, muss ich sagen, dass Berlin für mich eine der lebenswertesten Städte weltweit ist. Natürlich verändert sie sich, nicht alles ist nur positiv, aber trotz allem ist es eine sehr angenehme Stadt. Vieles ist noch bezahlbar, die soziale Zusammensetzung ist spannend, ich schätze sie sehr, die bunte, die multikulturelle Stadt.

Welche Orte finden Sie besonders attraktiv?

Das Spreeufer gehört zu meinen Lieblingsorten. Dort, wo man oft noch eine unverbaute Weite findet, wo man flanieren kann, aber auch teilweise sehr geschützt und privat sein kann. Ich bin aber auch ein großer Freund von urbanen Strukturen. Ich mag etwa die Turmstraße in Moabit, wo nicht alles glänzt, die Leute aber sehr nahbar sind.

Was ist für Sie typisch für die Berliner Stadtentwicklung?

Die Altbauten um die Jahrhundertwende haben für mich Berlin geprägt. Sie sind natürlich nur eine Facette. Die Großsiedlungen machen Berlin ebenfalls aus. Sie sind aber nicht die Orte, denen ich mich biografisch verbunden fühle. Ich bin ein Freund der kompakten europäischen Stadt, die in klassischer Blockbebauung entstanden ist. In den Alt-Berliner Häusern durften die Fassaden nur so hoch sein, wie die Straße breit ist. Maximal 22 Meter bis zur Traufkante. Denn bei einem Brand sollte das Feuer nicht überschlagen, wenn eine Fassade kippt. Die Straßen sind im Städtevergleich recht weit. Dieses Größenverhältnis erweist sich bis heute als Format, das einen sehr menschlichen Maßstab bietet. Im Erdgeschoss finden sich Geschäfte, Büros, Lokale. Das ist das, was Berlin ausmacht.

Wenn wir uns Berlin seit der Wiedervereinigung anschauen: Ist die Entwicklung der Stadt gelungen ist oder hat Berlin Chancen verpasst?

Man kann sicherlich an vielen Punkten sagen, dass wir Chancen vertan haben. Aus heutiger Sicht weiß man einiges besser. Ein großes Versäumnis war, dass zu wenig danach gefragt wurde, welche Werte zukünftig für die Allgemeinheit wichtig sind. Nachdem Berlin damals quasi über Nacht die Bonner Subventionen und hunderttausende Arbeitsplätze verlor, ist die Verwaltung schnell in eine sehr investorenfreundliche Haltung gekommen, die nicht überall zum Besten geführt hat. Viele Flächen wurden verkauft, teils fragwürdige Bauprojekte genehmigt.

An welche denken Sie?

Zu den Bausünden gehört etwa die Pyramide in Marzahn. Aber auch Projekte der Mediaspree könnte man nennen, wobei viele der schlimmen Entwürfe aus den 1990er-Jahren dort nicht realisiert worden sind. Den Potsdamer Platz dagegen würde ich nicht als Fehlschlag bezeichnen. Er hat sicherlich die eine oder andere fragwürdige Entwicklung genommen, ist aber immerhin ein Ort mit großer sozialer Durchmischung. Dort gehen die ganz Reichen ebenso hin wie die Mittelschicht und Hartz-IV Empfänger.

Wie beurteilen Sie das Regierungsviertel?

Es ist gut, dass das Band des Bundes, das sich jetzt in Ost-West-Richtung durch den Spreebogen zieht, einen Bruch mit der von den Nationalsozialisten geplanten Nord-Süd-Achse markiert. Mir fehlen aber die öffentlichen Angebote.

Was fehlt Ihnen konkret?

Ein Informationszentrum. Eine Anlaufstelle für die Menschen. Wo ist der Ort, an dem man sich etwa als ausländischer Besucher über die Demokratie in Deutschland informieren kann? Die Bauten haben zu wenige öffentliche Nutzungen wie Cafés. Es gibt Notwendigkeiten für Privatheit, für Sicherheit und Geheimhaltung, aber das darf nicht dazu führen, dass man die Stadt und die Menschen außen vor lässt. Ich bin der Meinung, dass Architektur Lösungen finden kann, wie man sensible Bereiche abschottet und zugleich weniger sensible öffnet.

Die neue Zentrale für den Bundesnachrichtendienst (BND) schottet sich noch viel stärker ab.

Die Notwendigkeit zur Abschottung des Komplexes lässt sich nicht verändern, solange der Geheimdienst dort angesiedelt ist. Langfristig könnte sich natürlich die Nutzung der Gebäude ändern, hin zu einer Nutzung, die eine größere Öffentlichkeit verträgt. Dann kann man die Mauer außen rum abtragen und attraktive Erdgeschossnutzungen schaffen. Aber mit dem BND als Nutzer und seiner Affinität zur Geheimhaltung ist das nicht möglich.

Welche Folgen haben die Sicherheitsvorkehrungen des BND für die Umgebung?

Wir haben ein abgeschottetes Areal, um das man herum laufen muss. Das heißt, der nördliche und südliche Teil des Quartiers am BND werden wenig miteinander zu tun haben, weil es zu aufwendig ist, von einem in den anderen Teil zu kommen. Man läuft nicht um den großen Block, um auf der anderen Seite einen Kaffee zu trinken. Für die Attraktivität einer Stadt ist das ein Nachteil. Wenn wir uns ansehen, welche Städte gut funktionieren, dann sind das Städte mit einer starken Vernetzung. Sie haben viele miteinander verbundene Straßen und Wege, um von A nach B zu kommen. Probleme gibt es immer dort, wo das Netz durchbrochen ist. Ein Komplex wie der BND zerstört das engmaschige Netz in der Stadt massiv, weil Wege und Straßen an seinen Außenmauern enden.

Sehen Sie gar nichts Positives?

Doch. Der BND hat für eine starke Aufwertung der Umgebung gesorgt, die sich in vielen Neubauten zeigt. Negativ ist dabei natürlich, dass hier fast ausschließlich hochpreisige Wohnungen entstehen. Immerhin kann man davon ausgehen, dass beim BND 24 Stunden Betrieb ist. Das bedeutet, dass die nähere Umgebung belebt wird, etwa auf der gegenüberliegenden Seite ein langer Betrieb bei Cafés und Restaurants gewährleistet ist. Denn irgendwo müssen die Bediensteten ja essen und trinken, wenn sie nicht in die hauseigene Kantine gehen wollen. Aber es ist sicher keine optimale Entscheidung gewesen, eine so abgeschlossene Einrichtung wie den BND an so einen zentralen Ort zu holen .

Wenn Sie Stadtentwicklungssenator wären: Was würden Sie ändern?

Es ist ja nicht alles schlecht. Aber die Bürger haben in den letzten Jahren viel Vertrauen in die Berliner Stadtentwicklung verloren. Der Volksentscheid zum Tempelhofer Feld hat dies sehr deutlich gemacht. Während die soziale Spaltung in der Stadt rasant voranschreitet, der Druck auf dem Wohnungsmarkt wächst und es an allen Ecken und Enden offene Baustellen gibt, redet man nun über eine Olympiabewerbung. Im Vergleich zu einer behutsamen Entwicklung ist das wie Öl ins Feuer zu gießen. Zudem fragt man sich, wie das finanziert werden soll. Berlin braucht außerdem dringend eine verlässliche Beteiligung, die über Information und Erörterung hinausgeht, sondern bei der die Bürger ermächtigt werden, mitzuentscheiden, auch das kostet. Aber auch bei der Gestaltung der Stadt fragt man sich an vielen Stellen bis heute, warum es Berlin nötig hat, solche Art von Entwicklung zuzulassen.

Woran denken Sie?

Zum Beispiel an den Hauptbahnhof. Das ist der Hauptbahnhof der Bundeshauptstadt, aber was dort gebaut wurde, ist teils 08/15-Architektur. Das zeugt von einem schlechten Selbstbewusstsein – als wenn wir nehmen müssten, was kommt. In Städten wie London müssen die Investoren hohe Auflagen an die Gestaltung erfüllen und zugleich eine Ausgleichszahlung leisten, aus der dann bezahlbare Wohnungen finanziert werden. Warum fordern wir nicht ebenfalls stärkere Leistungen der Investoren? Dabei müssten wir auch die Grundstücksvergabe neu regeln. Der Ausverkauf landeseigener Grundstücke durch den Liegenschaftsfonds war ein Fehler, der der Stadt heute die Hände bindet.

Was möchten Sie ändern?

Aus meiner Sicht ist Berlin ein Ort, an dem wir die Frage nach einer anderen Form von Stadtentwicklung denken können. Landeseigene Grundstücke sollten in Zukunft vorrangig an Entwicklungsgenossenschaften vergeben werden, die sich sozialen Standards verpflichtet haben. Natürlich müssen die Genossenschaften auch wirtschaftlich arbeiten. Das tun sie aber nicht um des Profits willen, sondern um des Erhalts wegen.

Kommen wir zur Historischen Mitte. Bis 2015 sollen sich Experten und Anwohner darüber austauschen, wie sich das Gebiet rund um den Fernsehturm entwickeln soll. Was erwarten Sie?

Think Berlin setzt sich gegen die Kommerzialisierung und Reprivatisierung dieses Raumes ein. Unser Vertrauen in die Verwaltung und die Investoren ist nicht so groß, dass wir glauben, bei einer Privatisierung entsteht langfristig eine positive Entwicklung. Wenn das Gebiet kleinteilig parzelliert und bebaut werden sollte, wird es vielleicht architektonisch anspruchsvoll. Es ist aber zu befürchten, dass die Mitte Berlins dann wie viele hergerichtete Stadtmitten weltweit aussieht und noch stärker auf Konsum ausgerichtet sein wird.

Der Alexanderplatz ist nicht weit von der Historischen Mitte. Wird dort doch noch eines der zehn Hochhäuser gebaut, die nach dem Masterplan von 1993 entstehen sollten?

Der bisherige Masterplan ist überholt. Auch Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat gesagt, die Planung müsste überdacht werden. Genau in diesem Moment kommen Pläne, ein oder zwei Hochhäuser auf Grundlage der vorhandenen Genehmigungen zu bauen. Das macht die Sache schwierig für die Stadt. Wenn nur mehr ein Fragment eines Ensembles gebaut wird, muss man sich fragen, wie gut das Fragment ohne das restliche Ensemble noch ist? Und: Lässt sich ein Bruchteil aus dem Ensemble gut gestalten oder kann es nur daneben gehen, weil es nicht auf die neue Situation eingeht?

Das Gespräch führte Ulrich Paul.