Berlin - Zehn Jahre nur waren vergangen, und schon wieder fiel die Pest über die Doppelstadt Berlin-Cölln und ihre Nachbarorte her. Man schrieb das Jahr 1576 und zählte den fünften Seuchenzug seit Jahrhundertbeginn. Die Leute wussten, welche Schrecken sie erwarteten.

Wie sie sich wehren könnten, wussten sie nicht. Der griechische Arzt Hippokrates (um 460 – um 370 v. u. Z.) hatte nur einen Rat: „Fliehe schnell, fliehe weit, mit der Rückkehr lass’ dir Zeit.“ Seit der Antike war das Wissen um den Schwarzen Tod nicht wesentlich vorangekommen.

Hippokrates folgend floh Kurfürst Johann Georg von Brandenburg 1576 mitsamt dem Hofe nach Küstrin 90 Kilometer Richtung Osten. Doch erkrankten etliche Mitreisende, woraufhin der Tross 60 Kilometer weiter zog nach Karzig (heute Karsko). Dort erkrankte der kurfürstliche Kanzler Lampert Distelmeier, er erholte sich aber, und man harrte aus.

Tausende Tote in Berlin

Vom Los der Zurückgebliebenen erfahren wir durch Augenzeugen. So zeichnete der Cöllner Stadtschreiber für 1576 auf: „Im Monat Junio hat die pestilenzische Seuche zu Berlin grewlich zu romorn angefangen und vollents auch gen Cölln kommen und fast bis zu Ende des Jars regiert, also das in beiden Stetten beinahe in die 4000 Menschen jung und als plotzlich gestorben und abgangen.“ Und wenn, so fuhr er fort, nicht so viele „ausgezogen und vorgewichen“ wären, hätte man viel mehr Tote zählen müssen.

Das Register der Stadtverwaltung Spandau meldete: Ausbruch der Pestilenz im Sommer, erloschen mit einsetzendem Winter. 575 Todesfälle zwischen Juli und Dezember, fast drei Viertel kleine Kinder und junge Leute. Als die Seuche zehn Jahre zuvor, 1566/67, Spandau heimgesucht hatte, waren es 1400 Tote gewesen – bei etwa 3000 Einwohnern. Fast die Hälfte der Bevölkerung.

Für Berlin berichteten 1576 Andreas Angelus, Konrektor des Gymnasiums zum Grauen Kloster, sowie Jacob Schmid, Pfarrer an der Kirche Heiliggeist von der Seuche, „etliche tausend“ seien „darin aufgegangen“, also tot.  Als „Pestilenziarius“ hatte Schmid  die Seuche fortzubeten, zugleich fungierte er als Arzt, Apotheker und Totengräber. Für seine treuen Dienste erhielt er Extrazahlungen aus der Kirchenkasse.

Anweisungen zum Umgang mit der Seuche

Die genauesten Informationen aber erhalten wir aus einem Buch (siehe Titelseite oben), das einem glücklichen Umstand entsprang: In der Universitätsbibliothek Basel wurde vor wenigen Jahren ein Plakat mit dem Titel „Regiment“ gefunden, verfasst und vervielfältigt 1576 vom kurfürstlichen Leibarzt Leonhard Thurneysser, der auf dem Gelände des Grauen Klosters auch eine Druckerei betrieb.

Es enthielt Anweisungen an die Bürger von Berlin-Cölln für den Umgang mit der Pest. 100 Exemplare ließ er an öffentlichen Orten anschlagen: an Kirchentüren, in Wirtshäusern, bei Buchhändlern oder Schaustellern, in Schulen, auf Märkten. Das  erste in Berlin gedruckte Plakat war eine Pestschrift  – ein einzigartiges Zeugnis der frühzeitlichen Wissenschafts- und Pharmazieliteratur.

Die dem Basler Fund folgenden Recherchen erlaubten es den Autoren des Buches, das Bild vom Geschehen in der Doppelstadt genauer zu fassen: Straßen waren mit eisernen Ketten versperrt, Stadtknechte hielten Wache, Bier- und Weinhäuser wurden geschlossen, in Garküchen durfte nicht mehr gespeist werden.

Alle öffentlichen Zusammenkünfte wurden verboten. Lebensmittel durften nur noch vor der Stadt gehandelt werden. Apotheker, Krämer, Bäcker, Bierzapfer durften niemanden in ihre Räume einlassen.

Zitiert wird ein im Berliner Stadtarchiv gefundener Bericht des Historikers Ernst Fidicin (1802–1883), der besagt, die Seuche habe im Hause eines Cöllner Brauers ihren Ursprung gehabt. Eigentlich war Zugang gesperrt, weil aber „die Nachbarn dennoch zu besagter Brauerei hineingestiegen“ seien, so Fidicin, infizierte sich die ganze Stadt, so dass „damals 1200 in Cölln und 800 in Berlin gestorben sind“.