Berlin - Was eine gute Immobilie werden will, muss drei Voraussetzungen bieten: Erstens: Lage, zweitens: Lage, drittens: dito. Das galt vor tausend Jahren wie heute. Der Platz, wo Berlin seinen Aufstieg zur Stadt begann, hatte entwicklungsfähiges Potenzial. Erstens die Passage: Hier bildete die Spree vier Talsandinseln im Urstromtal, das sich an dieser einen Stelle auf vier Kilometer verengte und einen Übergang ermöglichte zwischen den Hochflächen Barnim im Norden und Teltow im Süden.

An beiden Seiten des Spreepasses gab es inmitten von Sumpfgelände praktischerweise trockene Flächen zum Siedeln. Zweitens das Warenkreuz: Zwei alte Handelswege zwischen dem Frankenreich im Westen und Russland im Osten sowie zwischen Skandinavien und Böhmen im Norden bzw. Süden kreuzten sich an der Stelle. Drittens die Abkürzung: Die Flussüberquerung reduzierte den Ost-West-Wegabschnitt zwischen den schon länger existierenden Festungsorten Spandau und Köpenick, der bis dahin über höheres Gelände gelaufen war.

Wer aber hat nun den Ruhm verdient, das Potenzial erkannt zu haben und als Gründer Berlins zu gelten? Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass die brandenburgischen Markgrafen Otto I. und Johann III. aus dem Hause Askanien, Enkel des christlichen Eroberers der Mark Brandenburg, Albrecht der Bär, Berlin um 1230 direkt und unmittelbar aus dem Sand heraus gegründet hätten. Diese Annahme fußte auf der Märkischen Fürstenchronik (ca. 1280), die von zahlreichen Gründungen durch die gemeinsam regierenden Markgrafenbrüder berichtet.

Botschaft der Eichenbalken

Die These ist durch zwei Grabungen widerlegt worden: Erst wurden im Fundament der Nikolaikirche, unter der dort 1220/30 errichteten romanischen Feldsteinbasilika, Gräber gefunden, die die Existenz einer vorstädtischen Siedlung bereits gegen Ende des 12. Jahrhunderts wahrscheinlich machte.

Und dann kamen die Sensationsfunde in den Jahren 1997 bis 1999 nahe der Petrikirche. An der heutigen Breiten Straße 28 entdeckten die Archäologen einen um 1200 wiederverwendeten Balken, der mit Hilfe der Baumringanalyse auf „um/nach 1171“ datiert werden konnte. Die Untersuchung eines weiteren, nahe dem einstigen Kirchenstandort in einem Brunnen gefundenen Eichenbretts ergab, dass der Baum um das Jahr 1203 gefällt worden war. Ein im Bereich Schlossplatz gefundener Holzrest konnte auf 1198 datiert werden.

Damit ist klar: Berlin entstand Jahrzehnte vor der angenommenen Gründung durch die Markgrafen um 1230. Fernkaufleute, wahrscheinlich aus dem niederrheinisch-westfälischen Raum kommend, hatten die Vorteile der Lage offenbar bereits Mitte 12. Jahrhunderts entdeckt. Der Nachweis für die Vermutung, dass der Siedlungsbeginn sogar vor der Gründung der Mark Brandenburg durch Albrecht den Bären im Jahr 1157 lag, bleibt künftiger Forschung überlassen.

Klar ist auch: Auf der rechten, nördlichen Uferseite entstand die vorstädtische Siedlung Alt-Berlin, auf der Spreeinsel direkt gegenüber Cölln. Mit Vorbesitzern mussten sich die Neuen nicht streiten, es gab keine Slawensiedlung an der Stelle. Wer diese Urberliner, diese eigentlichen Stadtgründer waren, wissen wir nicht. Keine Urkunde aus dieser Zeit gibt Auskunft. Auch der Streit, ob Cölln zuerst da war oder Berlin, bleibt bis auf Weiteres unentschieden.

Das älteste Dokument, das einen Teil der Doppelstadt erwähnt, stammt aus dem Jahr 1237: Es beurkundet die Einigung in einem Steuerstreit zwischen den beiden Markgrafen einerseits und dem Bischof von Brandenburg andererseits; als einer der Zeugen wird Symeon, Pfarrer von Cölln, aufgeführt. Entsprechend dieser Urkunde wurde 1987 das 750. Stadtjubiläum gefeiert.

Derselbe Symeon taucht 1244 als Probst von Berlin in einer anderen Urkunde auf, laut der Johann III. und Otto I. auf den Nachlass verstorbener Geistlicher zugunsten des Brandenburger Klerus verzichteten. Dies gilt als erste urkundliche Erwähnung Berlins. Als Civitas (Stadt) taucht Berlin erstmals 1251 in einer Urkunde auf, Cölln zehn Jahre später. Mal kühn angenommen, man setzte den Holzbalken von 1171 als Marke, dann könnte Berlin 2021, also in fünf Jahren, 850 Jahre Bestehen feiern.

Wenn auch die Fernhändler sehr wahrscheinlich die Siedlerpioniere waren, so haben die beiden Markgrafen aber doch etliches getan für das Fortkommen von Berlin-Cölln. Zuallererst mussten sie die Machtverhältnisse klären. Diese zwangen der Stadt schon vor ihrer eigentlichen Gründung eine erste Ost-West-Spaltung auf. Die Grenze zwischen den Slawenstämmen der Heveller südöstlich der Spree und der Sprewanen im Nordwesten verlief lange mitten durch das heutige Berlin. Die ersteren hatten ihre Siedlung in Spandau, die anderen saßen auf ihrer Burg in Köpenick. Von Spandau aus kämpften die Enkel Albrechts des Bären noch lange um den Osten.

Köpenick erwies sich dabei als schwieriger Fall: Nach dem Tod des großen Sprewanen-Fürsten Jacza von Köpenick 1176 fiel dessen Burg zunächst an die von der Lausitz her vordringenden Wettiner Markgrafen, dann an deren Meißner Verwandtschaft. 1210 erscheint Köpenick erstmals in einer Urkunde als dem römisch-deutschen Kaiserreich zugehörig. Nun verlief die Grenze zwischen askanischer Mark und wettinischen Besitzungen in Nord-Süd-Richtung durch das heutige Berliner Stadtgebiet.

Die Spannungen mit den christlichen Rivalen entschieden sich, begleitet von politischen Intrigen, im Teltow-Krieg (1239-1245) zugunsten der Askanier. Nun besaßen sie endgültig den gesamten Teltow und den Barnim (abgesehen von Rüdersdorf) und damit das ganze heutige Stadtgebiet.

Privilegien für Händler und Bürger

Das erfolgreichste Projekt der markgräflichen Eroberungsstrategie war das Wachsen Berlins und Cöllns. Als Handelsplätze war ihnen von Anbeginn die Aufgabe zugedacht, die Marktvorteile von Köpenick abzuziehen. Johann und Otto veranlassten, dass der alte Handelsweg eine alternative Strecke über genau die neue Spreequerung nahm. Sie bedachten die aufstrebenden Bürger mit Zollprivilegien, die den Zwischenhandel und den Export von Agrarprodukten begünstigten, und sie gewährten ihnen das Niederlags- und Stapelrecht. Das heißt, durchreisende Händler hatten dort ihre Waren für eine gewisse Zeit anzubieten. Die Handelsverbindungen erweiterten sich, Kaufleute kamen aus Osteuropa, Flandern und England, von der Nord- und Ostseeküste und aus Süddeutschland.

Wer sich da ansiedelte, werden wir womöglich bald erfahren, wenn die Funde aus den ältesten der alten Gräber aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an der Petrikirche mit der allermodernsten Radiokarbonmethode, der C-14-Datierung, untersucht sind. Waren die Menschen miteinander verwandt? Wenn nein, spricht das für die Zuwanderung von Individuen? Wenn ja, für die Ansiedlung von Familien oder größerer Bevölkerungsgruppen?

Mit dem Bau des Mühlendammes als festem (zunächst hölzernem) Übergang zwischen Cölln und Berlin entstand bis 1400 die Doppelstadt, die 8 500 Einwohner, 1100 Häuser, zwei Rathäuser und drei Kirchen hatte. Straßenführung und Standorte der großen Gebäude fügten sich den Besonderheiten des Geländes. Drei Dünen durchzogen die frühe Stadt, die Nikolai-, die Marien- und Rathausdüne, auf jeder thronte bald ein Bauwerk. Um sie herum wurden die Straßen angelegt: Post- und Heilige-Geist-Straße, Spandauer Straße, Jüdenstraße, Hoher Steinweg, Klosterstraße. Man kann einen Teil der Verläufe noch heute erkennen, die beiden bedeutenden frühen Plätze hingegen warten auf Wiederherstellung ihrer Erkennbarkeit: die erste zentrale Handelsniederlassung am Molkenmarkt und der Neue Markt vor der Marienkirche.

Bevor schließlich über die Spree hinweg zusammenwuchs, was als Zwilling geboren war, gab es zwei Verwaltungsräte, in denen Großkaufleute und Fernhändler saßen: das Patriziat. Kaufleute, Handwerksmeister und Ackerbürger bildeten die Mittelschicht. Bäcker, Schuster, Tuchmacher, Fleischer formten die ersten und wichtigsten Zünfte – das Viergewerk. Es folgte eine Blüte als Bürgerstadt, 1360 traten Cölln und Berlin der Hanse bei – bis der Hohenzoller Friedrich II., „Eisenzahn“, einrückte und 1451 eine neue Richtung vorgab: Fürstenresidenz statt freie Hansestadt. Doch das ist eine weitere Geschichte.