Die größte Wiesn nach der Münchner läuft in Berlin. Dutzende Oktoberfeste stehen in diesem Jahr zur Auswahl. Und so richtig Spaß macht das Ganze nur im angemessenen Outfit: Frau braucht Dirndl. Mann idealerweise Lederhose, aber wenigstens ein kariertes Hemd. 74 Treffer ergibt die Google-Suche nach Dirndl-Anbietern in Berlin. Der Angermaier-Laden im Hofbräu am Alexanderplatz hatte Dirndl-Casting und Trachten-Nacht –  in Baumwolle, Seide, Rüschen, Schürzen. Sexy Kleidchen mit allem Pipapo.

Sie sind ja auch genial: bequem, luftig,  in unendlichen Variationen verfügbar, feminin und lebensfroh. Eine hochindividuelle Uniform. Ideal für globalisierte Zeiten wie diesen, in der die weltgewandte Bürgerin auch mal Wurzeln spüren will. Hinzu kommt die Landlust der in der Stadt gebannten  Frau, die vom romantischen Landleben träumt, mit Äpfeln (alte Sorten!), Kräutern, Bauernmalven und Kattunfummel. Heimat! Tradition! Brauchtum!

Das hatten wir schon mal: Ende der 1920er-Jahre feierten die populären Bühnenstücke in Berlin kaum noch die Urbanität, stattdessen flüchtete alles in ländliche Räume. Den Höhepunkt erklomm die Operette „Im Weißen Rößl“, Premiere 1930 in Berlin. In alpenländischer Kulisse, bevölkert von bunten Trachten, zelebrierte  gut gelaunte Leute Stadtflucht. „Im Salzkammergut, da kammer gut lustig sein“, trällert es, und die  gehetzte Seele fand Ruh. Ein Riesenerfolg, der einen ersten Trachten-Hype auslöste. Alle wollten jetzt die noch traditionsschweren Dirndlvorläufer haben –  am besten original vom  Kostümlieferanten für die Bühne: der Münchner Firma Wallach. Das Unternehmen im Besitz der jüdischen Brüder Moritz und Julius Wallach  lieferte da schon seit 20 Jahren  bayerische Trachten als gehobene Konfektion.

Die erfundene Tradition

Mit dem Dirndl, wie es heute von Japan bis Amerika als Sinnbild deutscher Volkskultur gilt,  hatten die Kleider allerdings nur die historische Vorlage und den Namen gemein. Dirndl ist die Verkleinerungsform von Dirn, niederdeutsch auch Deern, und meint zunächst schlicht ein junges Mädchen. In einigen Regionen hieß eine Magd oder andere Frau niederen Standes Dirn. Ihr simples Trägerkleid hieß Dirndlgewand und hatte mit regionalen Trachten nichts zu tun, die ja Auskunft über Herkunft, Status, Besitz und Familienstand geben sollen.

Das moderne Dirndl ist, wie so manches populäre Ding, ein Produkt des Nationalsozialismus. Den kreativen Volltreffer völkischer Mode landete eine wenig gebildete Aushilfssekretärin, die die Karrieremöglichkeiten in Hitlers Volksstaat ergriff und zur nationalsozialistischen Stardesignerin avancierte: Gertrud Pesendorfer, geboren 1885 in Hall in  Tirol,  1939 bis 1945 Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit und Leiterin der Mittelstelle Deutsche Tracht der NS-Frauenschaft, zuständig für das ganze Reich. Sie schöpfte  aus dem Regionalen und stülpte es um.

In ihrem 1938 erschienenen Buch „Neue Deutsche Bauerntrachten Tirol“ stellt die Designerin neuen Typs  ihre Quellen vor: eine Sammlung hübsch gezeichneter alpenländischer Modelle, lange, oft mehrlagige  Röcke aus schweren Tuchen, hochgeschlossen, lange Ärmel.  
Pesendorfer sah  in den Trachten „etwas Gemeinsames, eine unnennbare Grundhaltung“, die ihr als „eines der kostbarsten deutschen Volksgüter vorkam, doch wollte sie, ganz im Geist der neuen Zeit, „die volkswahre Gestalt der Tracht zu neuer Blüte  bringen“, wie sie in ihrem Buch schreibt. Sie wollte die  „Überwucherung  durch fremde Gewächse“ abtragen, aber es ging ihr nicht um das  „Aufwärmen alter, abgelebter Dinge“. Gegen Strömungen wie die Trachtenkonfektion im „Weißen-Rößl-Stil“ müsse man ankämpfen, sich von der „Trachtenliebhaberei“ abwenden und stattdessen ohne die Gefahr äußerer, jüdischer Einmischung zu einem „schönen bäuerlichen Gewandstil“ kommen. Frei und gesund sollte der sein, zu größerer Freiheit der städtischen Kleidung führen, denn die war „schlimm entartet, seit sich die Mode seiner bemächtigt hat“.

Der sachliche Kern des modepolitischen Konzepts sah vor, „Schnürleiber, tieffaltige schwere Röcke, Ungetüme von Hauben“ zu tilgen. Ebensolches sah Pesendorfer auch für alle Elemente vor, die standesrechtliche Unterschiede signalisierten.  Dem Schmuckbedürfnis der Frau sollte das Neue aber jedenfalls entsprechen. Und sie pries den Wert von Farbenfreude und   harmonischer Geschlossenheit des Gesamtbildes.

Pesendorfer entkatholisierte das Dirndl. Der geschlossene Kragen verschwand, das Dekolleté wurde freigelegt. Die langen Ärmel schnitt sie ab und hob Saum wie  Rockansatz.   Sie schuf die geschnürte und geknöpfte Taille – bis heute neben dem neckischen Rüschenblüschen das Wesensmerkmal des modernisierten Dirndl. Das Ergebnis war ein  erotisiertes Kleidungsstück. Im Sinne des NS-Ahnenerbes sollten Symbole wie Lebensbaum und -rad, Vogelpaare und Dreispross die arisch gereinigten Trachten zieren.

Die „Erneuerungsbewegung“ hatte in Tirol-Vorarlberg günstigen Boden gefunden, weil „die Fäden der Überlieferung noch lange nicht in dem Maße abgebrochen sind wie in so vielen anderen deutschen Landschaften“, wie die Innsbrucker Nachrichten  am 20. November 1943 schwurbelten. Der Bericht handelte vom Fortschreiten der reichsweiten Brauchtumsarbeit. Soeben hatte die Reichsfrauenführung Abteilungsleiterinnen für Kultur, Erziehung und Schulung in die Innsbrucker BDM-Führerinnenschule gerufen, um sie  mit Hilfe der Parteigenossin Pesendorfer  in die Trachtenfrage einzuführen. Man entsprach damit „Verlangen aus allen Teilen des Reiches  nach organischer Erneuerung der Trachten“. Pesendorfer machte in ihrem Vortrag klar, dass es nicht um Alpentäler, sondern um ganz Deutschland gehe,  um den Ausdruck völkischer Gemeinsamkeit. Für die Großstädterin hatte sie die  Botschaft: Auch diese solle  – etwa  bei der Hausarbeit – eine schlichte Tracht tragen können und tragen wollen, „ohne dies aus Sensationslust oder falscher Romantik“ zu tun.
Einen „Führerbefehl“ gab es für das neue Trachtentreiben offenbar nicht, aber jede Menge Wohlwollen. Es passte perfekt zu den auf der Blut-und-Boden-Ideologie und dem „germanischen Bauertum“ beruhenden Plänen für den Umbau des Landes und ganz Europas.

Ideen für die Berliner Frau

Damit war es zwei Jahre nach dem reichsweiten Frauentreffen zwar vorbei, aber Gertrud Pesendorfer, die gepriesene Trachtenkundlerin, machte nach 1945  in Südtirol weiter. Sie hatte ja nichts verbrochen, war nur eine der Millionen willigen Helferinnen, die zur zeitweise beachtlichen Popularität der Nationalsozialisten beitrugen.

Die Berliner Hausfrau erreichten die Pläne, ihr eine wurzelechte Arbeitstracht zu verpassen, nicht mehr. Die Stadt in ihrer wilden Zuwanderermischung verfügte ohnehin über starke Immunkräfte gegen Volkstumsgetue. Eine Berliner Tracht gab es nach Auskunft der Expertin des Märkischen Museums, Heike-Katrin Remus, nie.
Wohl aber hat Berlin als Quellort des  „Volksthums“ herhalten müssen.  Den Begriff erfand  Friedrich Ludwig Jahn, Hilfslehrer aus der Prignitz, später  als Turnvater und eifernder Antisemit zu Berühmtheit gelangt,  in seiner 1808 in Berlin verfassten Schrift „Deutsches Volksthum“.   Gertrud Pesendorfer gestand  1939 ihre glühende Verehrung und nahm sein „unnennbares Etwas“, das er im Volke erspürt hatte, in ihre Sprach- und Gedankenwelt auf. Jahn hatte es wie sie gesehen: 

Volksgemeinschaften, die keine allgemeine Volkstracht als „Harnisch“ gegen Fremdeinflüsse und „Einschmelzung“ hätten, würden untergehen.

Ob wohl die AfD demnächst mit Trachtenvorschlägen hervortritt? Mit dem heutigen Dirndl ist jedenfalls kein patriotischer Blumentopf  zu gewinnen. Die spaßhafte Kostümierung  kennt statt Blut&Boden nur noch Bier&Behagen.